Verpatzte Gautsch.
Gestörte verwandtschaftliche Beziehungen, lecker Gemischtwaren.
In den späten achtziger Jahren, die beste Ehefrau und ich turnten freudig umschlungen durchs jüngst beschlossene gemeinsame Leben, verbrachten wir – nach einer Saison Gastronomie in der Sportwelt Amadeo – unseren Hochzeitsurlaub mit etwas Verspätung in Israel.
Um mehr über die Welt und ihre Bewohner zu erfahren und dabei noch Geld zu sparen, kombinierten wir ihn mit einem Arbeitsaufenthalt in einer Oase in der Wüste Negev, den wir mit einem bescheiden komfortablen, aber inhaltlich hochklassigen Riffschnorchelurlaub unter rauschenden Dattelpalmen auf dem ägyptischen Sinai krönten.
Das Leben am Moshav war gewöhnungsbedürftig, aber es machte auch Spaß, und wir spielten mit dem Gedanken, länger in Israel zu bleiben, und nach einem Jahr vielleicht nach Asien oder Australien zu reisen.
Die interessierte, aber Abstand haltende Freundlichkeit der israelischen Menschen war uns angenehm, und ich erkannte viele vertraute Gesichter.
Der Obst- und Gemüsepflanzer Chaim sah Freund Klaus sehr ähnlich, der Jahre zuvor, vielleicht aus Verzweiflung über die Auseinandersetzung mit seinem Vater, aus dem Fenster gesprungen war.
Das Wiedererkennen bekannter Antlitze hörte jenseits der Grenzen nicht auf.
Ich reagierte empfindlich, wenn Israelis abfällig über Palästinenser sprachen, und versuchte in Gesprächen naiv beider Seiten Anwalt zu sein, zudem sich die zuhause übliche Vorstellung der herrschenden Verfeindung als weit zurückgeblieben entpuppte.
Sie ist eine zynische Projektion abergläubischer, diktierter, hasstrunkener Götzenverehrung im mächtigen Schatten des Kreuzes – Fremdenfeindlichkeit im allgemeinen und Antisemitismus im besonderen.
Reisen bildet nachhaltiger als Lehren und Schulen – aber der Pappa hatte uns zur Hochzeit nicht nur einen Zwiebelrostbraten im Gasthaus zum Milchmariandl spendiert, sondern auch für einen Jungfamilienkredit in der Höhe von 100.000 Schilling gebürgt, den es noch zurückzuzahlen galt.
Schrill ertönte sein Pfiff aus dem Herzen des Abendlands bis an den Rand der arabischen Wüste und holte uns schnell wieder heim, und der erste Mensch, der angehörs unserer schafsköpfigen Bravheit verständnisvoll den Kopf schüttelte, war der Weinbauer Chaim.
Im ORF war ein Beitrag über die Buchdruckerlehre beim Verlagshaus Styria zu sehen.
Ein Faß Panther wurde angeschlagen und die frischgebackenen, bierschäumenden Buchdruckergesellen wurden in Boettiche getaucht und mit Paddeln ausgeklopft.
Sie trugen eine spätmittelalterliche Zunftkleidung, der Wichs mancher schlagender Burschenschafter ähnlich, und jener, in der mein zukünftiger Schwager Toby auf einem Foto glänzt, das Pappa uns stolz präsentierte und Mutter schwärmerisch an den Busen drückte.
Ich arbeitete gerade als Saisonkassier im Stadtbad, als Pappa anrief und mich dringend zu sehen befahl.
Er versuchte mich stante pede für eine Buchdruckerlehre beim Styria Verlag zu begeistern, eine große Chance für mein weiteres Leben, die er mir über gute Beziehungen zur Kleinen Zeitung einräumen wollte.
Herr Zengerer, der quirlige Medien-PR-Tausendsassa, hatte meine Vorsprache beim Vorstand bereits avisiert.
Ich befürchtete, den Erwartungen der Senatoren im gediegenen schwarzen Zwirn, vor denen ich vier Jahre lang den Kopf in Demut hätte neigen müssen, nicht entsprechen zu können, zumal man mir gleich das Bild eines Bekannten, dem die Kleine Zeitung die zweite Chance seines Lebens schon ausgegeben haben wollte, als Wubartl des chronischen Rauschgiftgebrauchs und endgültig erfolgten Absturzes in Hieronymus Bosch’sche Höllenwelten vorhielt.
Ich entschuldigte mich schriftlich bei Herrn Zengerer und bedankte mich höflich für seine freundliche Hilfsbereitschaft, aber ich wäre bereits 30 Jahre alt und hätte vage etwas andere Zukunftsvorstellungen.
Pappa war eingeschnappt und warf mir giftig vor, noch immer keine schärferen Perspektiven entwickelt zu haben, als mich mein ganzes Leben lang von einem miesen Job zum nächsten flippern zu lassen.
Meine platinblondierte Schwester nebst Schwager in spe erschien im Städtischen Augartenbad und sprach beiläufig mit meinem Vorgesetzten, dem legendären Oberbademeister Steynschaden, während ihr athletischer Gespons stählern vom hohen Brett federte und im frisch chlorierten, schimmernden Azur ein paar Beckenlängen durchtauchte.
Kurz darauf war es mit dem Wohlwollen des Arbeitgebers vorbei.
Herr Steynschaden begann mich bei Instandsetzungsarbeiten als Handwerksgehilfe auf die Probe zu stellen, zur Suche von Werkzeugen in die Irre zu schicken und einen ungeschickten Tölpel mangelnder Initiative zu schelten, wie es mein Vater einst getan hatte, wenn er samstagnachmittags zorngeröteten Hauptes mit einem Arm im Motorraum seines Puch 700 steckte.
Je näher der Herbst rückte, desto mehr verblasste meine ursprüngliche Vorstellung, diesen Job im nächsten Frühjahr wieder antreten zu können, sodaß ich schließlich dem Vorschlag Pappas nachgab, mich im eben aus der Erde vor Graz gestampften Chrysler-Eurostar-Werk zu bewerben, wohin er als langjähriger Mitarbeiter der Österreichischen Fahrzeugindustrie ebenfalls über gute Beziehungen verfügte.
Mutter, schon etwas schlecht bei Gehör, freute sich am Telefon jauchzend, daß ich mich entschlossen hatte, endlich vernünftig zu sein und in einem Gemischtwarenladen zu arbeiten.
Agni Hotru
Nationalfeiertag mit Heimschläfergenehmigung.
Kurz überlegt, das Bundeskanzleramt aufzusuchen, um meine e-card zur Bürgerkarte aufwerten zu lassen.
„Springteufelhafte Annäherung an den Vizekanzler, dessen Krawatte am Knoten festhalten, mit angemessener Kraft am dünnen Ende anziehen, Schulterwurf, Vizekanzler liegenlassen, Rückzug.“
Vorsatz aufgrund der bedrückenden Wetterlage und als Beitrag zum inneren Frieden verworfen, amtliche Manipulation der e-card auf einen normalen Wochentag verschoben.
Kopfschütteln zur Seligsprechung von Franz Jägerstätter.
Erinnerung an das Jahr 2001, meine Urgenz der ein knappes Jahr vorher zugesicherten Anstellung bei einem IT-Unternehmen:
1. Vorsprache bei einem Herrn Dr. Hahn:
„Ich sag’ ihnen auch gerne, warum nicht – weil ich nicht will.“
2. Freisetzung folgender Information aus dem Personalbüro:
Der Mitarbeiter wäre 1979 bei der Musterung zum Bundesheer für untauglich erklärt worden.
Daraus resultierende Schlußfolgerungen:
Der Mitarbeiter wäre entmündigt.
Der Mitarbeiter hätte keinen Führerschein, würde aber – großspurig – im neuen Alfa Romeo herumfahren.
Davon abgesehen, wären MitarbeiterInnen gut beraten, abwaschbares Schuhwerk – Badeschlapfen – zu tragen, der Mitarbeiter wäre ein sexuell verklemmter Fetischist und es bestünde die Gefahr, er würde Kolleginnen unter den Schreibtischen in die Schuhe ejakulieren.
Am Arbeitsplatz mit Informationssalven aus der Urzeit der elektronischen Datenerfassung des österreichischen Bundesheeres nebst einer Extraportion bösartigstem Gardieuklatsch zum Zwecke der öffentlichen Demütigung beschossen zu werden, hat subjektiv schon etwas Anmerkenswertes.
Ich kann diesen unsensiblen, verschwenderischen und zynischen Umgang mit Menschen nur jener Strömung neoliberaler Gesinnung zuschreiben, die damals gerade den Backbone aus dem Norden des Zentralkontinents fett und fetter heruntergekrochen kam, um den Österreichern eine neue alte, vorgeblich christlich-soziale Regiertruppe ins Parlament und in wirtschaftliche Schlüsselpositionen zu pusten.
Es stimmt schon, daß ich seinerzeit bemüht gewesen war, meine Untauglichschreibung durch besonders phantasievolle Bewältigung des neu eingeführten Psychotests zu begünstigen:
Ich löste die Aufgabe, einen Eisberg zu skizzieren, durch Darstellung einer Portion Speiseeis in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen.
Fünfzig junge Männer waren vorbildlich hochgeschoren und voller Elan zum Musterungstermin erschienen.
Man wußte bereits , daß der Schnauzbart niemals über die Mundwinkel hinunterragen dürfte, wegen der klassischen Gefahr, sich im Zündschloß zu verfangen.
48 junge Männer hatten die richtige Einstellung und schon längst darüber nachgedacht, welchen Einheiten sie gerne zugeteilt wären.
Sie hatten kein Problem damit, sich dem Vorgriff auf den Drill des Präsenzdienstes widerspruchslos zu beugen, etwa dem Überqueren des Kasernenhofs im Gleichschritt und Antreten zum Essenausfassen in langen weißen Leibhemden, die während der sich über zwei Tage ziehenden Musterung zu tragen waren.
Kraftstrotzende Burschen aus ländlichen Gegenden ergingen sich in freudiger Erregung Vorschauen ihrer Abenteuer bei den Jägern, Fliegern, Panzerkanonieren, luden schon mit Gesten und treffenden Lauten ihre Sturmgewehre und Abwehrrohre, durchbrachen auf ihren fliegenden Kanonenöfen mit gereckten Daumen die Schallmauer.
Etliche von ihnen wußten schon bei der Musterung, daß sie den verlängerten Grundwehrdienst und eine Laufbahn als Berufssoldat anpeilten.
Es wurden gemessen, geprüft, geradelt, geschnauft, geschwitzt, gewogen und gezerrt.
Die Möglichkeit zum gemeinsamen Duschen nützten die angehenden Kriegshandwerker, brusthaarschäumend und Zoten reissend, lange und ausgiebig.
Zu Mittag gab eine Riesenportion Spaghetti Bolognese.
Die Vorzüglichkeit der Heeresküche wurde gelobt, und maulverschmiert nudelwickelnd immer wieder darauf hingewiesen, daß Nachfassen jederzeit möglich wäre.
Der andere Mensch anderer Gesinnung war jemand, der bereits Gefängnisstrafen wegen Wehrdienstverweigerung verbüßt hatte, nachdem er bei der Vorsprache um Zivildienst aufgrund bösartiger Interventionen abgelehnt worden wäre.
Er machte mich beiläufig darauf aufmerksam, daß sich unter diesen vor Wehrdiensteifer beinahe Explodierenden auch heereseigene Animatoren befänden, welche die Aufgabe hätten, die Jungschwänze bei Laune zu halten und zu erlauschen, worüber die Leute sich unterhielten und wie ihre politische Einstellung wäre.
Er schlug mir vor, wir sollten abweichende Ansichten und Meinungen besser nur außerhalb des Kasernengeländes besprechen.
Es kam mir ausgesprochen lächerlich, ja kosmisch allerwinzigst vor, daß Menschen, um die Nacht zuhause verbringen zu können, um eine Heimschläfergenehmigung ansuchen mußten.
Dabei war ich kaum philosophisch angetan, ich wollte einfach nur Punk of Nature zu sein.
Mein Wahrnehmungsvermögen war in höchstem Maße auf Sex, Drogen und Rockmusik konzentriert.
Mein Freund jener zwei unwirklichen Tage, der Gewissensfreak, fuhr einen alten Opel Caravan.
Ich vernahm eher beiläufig, er stammte aus einer halbjüdisch-protestantischen Familie mit einer beklemmenden Geschichte, aber ich war zu durcheinander und zu unreif, um mit besonderem Tiefgang nachzudenken.
Wir besuchten am späten Nachmittag einen seiner Bekannten, einen Studenten der Geisteswissenschaften, im Süden der Stadt.
Die beiden sprachen menschlich und nüchtern von Meditation, Pazifismus und der seelischen Erholsamkeit eines Sommers in Irland, während ich hinunter zu den Maisfeldern starrte, über das unheimlich kurze Leben eines Freundes nachdachte und mich fragte, wieviel übermenschlicher Mut oder Verzweiflung dazugehören mußte, um aus dem neunten Stock eines Hauses zu springen.
Vor dem Einrücken fuhren wir noch an einen der Kaserne nahen Acker, um ein kleines Agni Hotru abzubrennen und Om zu summen.
Die Benachrichtigung über meine Untauglichkeit am nächsten Tag erschien mir in höchstem Maße erfreulich, wie eine bestandene Reifeprüfung.
Vage war mir damals vorgeschwebt, bei Gelegenheit einen Job zu suchen und irgendwann mit Magic Bus nach Indien zu tuckern.
Mein einziger Dienstwunsch wäre Fahnenflucht gewesen.
Soweit ich mich erinnere, wurde Gewissensfreak trotz passiven Widerstands für tauglich erklärt und erst nach weiteren hartnäckigen Anläufen von der Kommission für Zivildienst als glaubwürdig eingestuft.
Mein Vater, der mich nach zwei gleichgültig versäumten Einberufungen morgens zur Kaserne gekarrt und bis zur Portierloge begleitet hatte, sagte später zu meiner Mutter, es wäre hiermit endgültig der Beweis erbracht, daß sie einen handfesten Idioten in die Welt gepresst hätte.
Die Information über die Möglichkeit, Zivildienst ableisten und dafür Vorbereitungen treffen zu können, war mir von den Eltern vorenthalten worden.
Danke, den ehrlichen Findern.
Wien, 15h U1, Schwedenplatz-Nestroyplotz-Praterstern-Vorgartenstraße.
Vielen Dank für ihre Ehrlichkeit der braunäuigen Dame mit brünetten, gewellten, eher kurzen Haaren , attraktive, sportliche Erscheinung, Alter ca. 25 Jahre, die mir gegenüber sitzend, guter Dinge und mit leicht steirischem Akzent zum Thema Computer handtelefonierend, vielleicht in der Callcenterbranche tätig, gesehen hat, wie eine Original Windows XP-SP2 Recovery CD der Firma MaxData in der U1 zwischen Schwedenplatz und Vorgartenstraße aus meiner Jackentasche geglitten ist, und mir diese gerne zurückgeben möchte – sofern das Softwarepaket mit MS-Heftchen in Zellophan nicht zufällig von einem der Hilfspolizisten, die mich ebenfalls in der U-Bahn begleitet haben, gefunden worden ist.
Bitte melden Sie sich unter 0699 81524090 oder unter 01 7909 100 bei den Wiener Linien, wo es auch ein FUNDAMT gibt.

DANKE.
Tante Louises Schreibmaschine.
Schabe auf dem elektrischen Stuhl.
Es hatte die Mutter des mißratenen Sohnes, eine seit jeher an seelischen Problemen kränkelnde Frau gegen Ende ihres Lebens, einen Traum, ihr Kind würde am elektrischen Stuhl hingerichtet werden.
Als der untersetzte uniformierte Beamte ernsthafter Miene den Spannungshebel nach unten drückte, hätte es die Hand nach ihr ausgestreckt und laut um Hilfe geschrien.
Daraufhin hatte sie nicht mehr einschlafen können und am nächsten Morgen Frau Lebzelter von der Drogenberatungsstelle angerufen und dieser ihre Besorgtheit mitgeteilt.
Anläßlich seines letzten Besuchs wäre dem Sohn bei der Verabschiedung ein kleines gelbes Briefchen zu Boden gefallen.
Er hätte sich gebückt, um es schnell wieder an sich zu nehmen und sich geweigert, es herauszugeben, es wäre nur ein Notizzettel.
Dabei hätte sie sich daran erinnert, daß zu der Zeit, als ihr Sohn nach Australien gereist war, dieser einen hektischen, ja verzweifelten Eindruck gemacht hätte.
Sie hätte damals, zufällig aus dem Fenster schauend, wahrgenommen, daß er mit dem Automobil mit hoher Geschwindigkeit die Kalvarienbergstraße hinunterraste und abrupt in den Häuserblock einfuhr, als ob er einen Verfolger abhängen wollte.
Einige Zeit später hätte sie von Frau Bruhne vom Katholischen Hilfsdienst erfahren, daß dem Pfarrer der Kalvarienbergkirche das Portefeuille entwendet worden wäre.
Dabei wäre auch die Kreditkarte zu den Pfarrgeldern abhanden gekommen.
Sie hätte nicht verstehen können, wie ihr Sohn überhaupt zu so viel Geld gekommen war, um nach Australien gehen zu können.
Gespottet hätte er sie noch, daß man nach Australien nicht gehe, sondern fliege.
Jedenfalls wäre ihr verdächtig vorgekommen, daß er aus dieser Richtung angefahren kam und nicht, wie sonst, aus einer anderen.
Deshalb hätte sie zuletzt ihren Sohn mit der Bitte, im Nebenraum in einer Schublade nach Briefmarken zu suchen, abgelenkt und blitzschnell sein Portemonnaie an sich genommen, um es zu durchsuchen.
Was er immer alles zu verstecken gehabt hätte: Kleine Stückchen Haschisch in Aluminiumfolie in der Kleingeldtasche, Drogenschiffchen in verborgenen Einschüben, streifenweise Pillen in der Jackentasche.
Dabei hätte sie eine Einkaufskarte vom Drogeriemarkt entnommen und weggesteckt, weil sie in der Aufregung dachte, daß dies die Bankomatkarte des Pfarrers wäre, oder es hätte sein können, daß es sich um eine australische Karte handelte, zu einem geheimnisvollen Konto, auf dem sich vielleicht noch Geld befände.
Sie wäre froh, daß sie den Sohn aus dem Haus hätte, aber sie wäre auch darüber sehr besorgt, daß er vielleicht an ihren Enkelkindern Rache nehmen wollte, weil sie sich einmal geweigert hätte, ihn wieder bei sich anzumelden.
Einen erwachsenen Arbeitslosen wie ein Kleinkind an der Kittelfalte haben zu müssen, könnte sie sich trotz ihres hohen Alters und ihrer Behinderungen nicht vorstellen.
Daß er sich schon als Volksschüler mokiert hätte, daß sie das Brot nicht in gleichmäßigen Scheiben abgeschnitten hätte, sondern keilförmig – das wäre damals bei den Bauern, unter denen sie hatte aufwachsen müssen, eben so üblich gewesen.
Am Butterbelag hätte sie es jedenfalls nie mangeln lassen, auch in späteren Jahren nicht, aber der Bub hätte die Jause verweigert, sie wochenlang in der Schultasche mit sich herumgeschleppt, und sich dann frech darüber beschwert, daß er kein Geld für die Schulkantine bekäme.
Und wenn es gegen Monatsende nur Grammelschmalz gegeben hätte, so wäre das alleine die Schuld vom Vattr gewesen, wenn der ihr das Wirtschaftsgeld vorenthalten hätte.
Einmal hätte der Sohn die Schreibmaschine von Tante Louise, ein gußeisernes Museumsstück, aus dem vierten Stock gewuchtet, als sie ihm kein Geld geben konnte, die wäre an die 20 Kilogramm schwer gewesen.
Nicht auszudenken, wenn unten Kinder gespielt hätten.
Und jetzt auch noch dieser entsetzliche Traum: Eine Mutter würde spüren, wenn mit den Kindern etwas nicht in Ordnung wäre.
Frau Lebzelter versprach, die Informationen weiterzuleiten.
Perfid
Der ganz normale Verfolgungswahn des Bruno S.
Bruno war ein Bekannter in meiner Jugend.
Wir begegneten uns in verqualmten zwielichtigen Lokalen, wo es nach Peedees roch und Frank Zappa mit quakender Stromgitarre und sonorer Stimme lautstark aus den Boxen spottete und höhnte.
Bruno war Schriftsteller, das heißt, er hatte irgendwann begonnen, ein Tagebuch zu schreiben, aber böse Erinnerungen und die Liebe bauten immer wieder Blockaden in ihm auf, die er mit Alkohol wegzuspülen versuchte.
Bruno war ein belesener, empfindlicher Freidenker, der schon in jungen Jahren unter der Erkenntnis litt, wie vernichtend Holocaust und Weltkrieg unter seiner altvorderen Verwandschaft gewütet hatten.
Er behauptete von sich, die Asche und die verbrannte Erde, auf der diese Republik errichtet worden war, immer noch riechen zu können.
Einmal waren wir in Südfrankreich, ein paar jugendliche Ausreißer, keine Schule mehr, der ältere Bruno hatte sich angeschlossen.
Dort brach er eines Tages auf, Lieder von Edith Piaf summend, ohne Ticket nach Paris zu fliegen und kehrte nach ein paar Tagen – wir hatten schon die Hoffnung auf ein Wiedersehen aufgegeben – per Anhalter zurück.
Er war völlig durchnäßt, trug schwammige Cowboystiefel und hatte sich anstelle von Socken den Figaro um die Füße gewickelt.
Später unterzog er sich einer Alkoholentziehungskur, erfing sich rundum wieder, war verheiratet und arbeitete als Bibliothekar.
In den späten Achtzigern gab es in der Zeitschrift Profil einen großen Sommerreport über Cannabis und das Kiffen als Freizeitbeschäftigung vieler Österreicher.
Allerlei Prominente wurden befragt und outeten sich als Ex-Kiffer, die einmal mehr oder weniger heftig inhaliert hatten.
Es gab viele Reaktionen auf diesen Artikel, kritischer und ironischer Natur.
Heute nur mehr Symbol einer verfehlten Drogenpolitik, löste das Thema zu jener Zeit noch interessantere Diskussionen aus.
Ich las das Profil dort, wo ich es regelmäßig lese oder zumindest überfliege.
Ich stieß auf einen kurzen pointierten Leserbrief, der mit dem Satz „Ich rauche nach Gusto“ endete und mit Brunos vollem Namen unterzeichnet war.
Jahre später traf ich ihn bei einem Konzert der Wiener Tschuschenkapelle, wo er im Anschluß, verkehrt auf einem Stuhl sitzend, sehr vollbärtig über den Brillenrand in den Lüster blickend, mit einer Flasche Bier in der Hand versponnen philosophierte wie einst, als wären inzwischen keine zwei Dekaden vergangen.
Er erzählte mir, daß sich seit jenem Leserbrief das Blatt gegen ihn gewendet hätte, in Form der „Staatspolizei“, die sich Zutritt zu seiner Wohnung verschaffte, ihn bei vielen Gelegenheiten auf der Straße fotografierte und sogar untergriffig seine Lebensgemeinschaft zu sabotieren versuchte.
Man würde ihn perfid psychologisch terrorisieren.
Außerdem hätte man schon wieder sein Motorrad beschädigt.
Das Leben wäre ihm ziemlich verleidet worden, erzählte er.
Failures
I write what I like.
The popular party is a bunch of incompetent, corrupted and blackmailable failures, who have been transferring their roots from the blessed ground of the holy catholic faith to mean paneuropean redlight rightradical idolatry before a multi-headed criminal syndicate.
By remote orders of that and supported by executive organs on oath to maintain the austrian constitution and laws, non-grated individuals are being provoced and mentally torturized towards the point of their psychologically predicted collapse.
Such happens, as the executive associations are split up and hostile, and high decorated officers protect even the most primtive burglary crime, afraid of being shown NAKED to the public.
So simple is the explaination of the actual situation of a political party that has been sleeping assured for decades on the idea to be forever invincable, sheltered by the force, the glory, the properties and all that mindblurring hokeyspoke perfumed by the catholic church.
Those people let their idol Jesus Christ carry their goldplated umbrella to avoid getting their expensive gowns wet, loosely greeting their crowded believers from a holy distance with a wolfish grin.
Since the red light industries has been considered and acknowledged a respectable and sober branch of economy by the populars and a remarkable part of the executive groups, those have the whole country on.
The minister of interior seems to be an unsuspecting dunce.
If something should happen to my wife or me in future time, research the ministry of interior and the various cells of intelligence groups, formerly known as the Gestapo.
What happens here to torturize people who endeavour to live their life correctly and in peace, is a scandal.
Those who should take responsibility, carry their pants wet.
The vicechancellor is a failure – just another embarrassing chairsticking opportunistic „politician of profession“.
The minister of interior is a failure.
Their parliamentary representatives are failures.
You are all mean failures.
Im Blätterwald.
Für Nicht-Journalisten und andere Menschen.
Ich habe genau nachgelesen: Unter Feuilleton versteht man den Kulturteil einer Zeitung.
Ein klassischer Begriff aus einer Zeit, in der die Zeitungen aus technischen Gründen anders zusammengestellt wurden, und der Kulturteil schon fix und fertig war, während der Journalteil noch unter lautem Getöse durch die Pressen knatterte.
Man konnte diese Art Feuilleton einfach vom Journalblatt abnehmen und zum Frühstück der Frau Gemahlin in die Hand drücken, wie es traditionell bei manchen großformatigen Blättern auch heute noch möglich ist.
Als Glosse bezeichnet man einen witzigen Kommentar in einer Tagezeitung, der auch polemisch sein kann.
Der Feuilletonist wäre genaugenommen der im Kulturteil angesiedelte Gegenpart zum Journalisten.
Da es Glossen auch im Kulturteil geben darf, darf der Feuilletonist ebenfalls Glossen schreiben.
Wäre das Druckwerk entsprechend klein, ungefahr so klein wie die schwedische Zeitung Aftonbladet, so winzig klein, daß man sie einst nur unter Zuhilfenahme einer Briefmarkenlupe und einer Pinzette lesen konnte, könnte es sein, daß ein einziges Menschlein allein, als gestrenger Chefredakteur, glossenschreibender Journalist, umtriebiger Fotoreporter, enthusiastischer Sportkommentator und kulturbeflissener Feuilletonist in einem Redaktionsstübchen von der Größe einer Streichholzschachtel Platz fände.
Ich beliebe – über der im Laufe meines Lebens bereits ausgeschiedenen Menge an unterschiedlichen Werken – nicht nur Autor und Fotograf zu sein, sondern auch Journalist.
Ganz ohne Freund’ bei der Zeitung.
Brustwachstum und Hunde mit Schnapsfaß.
„Hopfen-Brustwachstum“: Was ist das?
Einmal ist mir in einer ländlichen Gegend Österreichs – es wird dort bevorzugt Wein getrunken – folgende Theorie nahegebracht worden:
Im Hopfen, besonders in den weiblichen Blüten, mit denen das Bier gewürzt wird, würde sich eine dem Hormon Östrogen verwandte ätherische Substanz befinden.
So wäre es in den Hopfenanbaugebieten, unter der armen, zur Hopfenernte genötigten Bevölkerung, die sich auch die Kopfkissen mit den Dolden stopfte, gehäuft zu einem Brustwachstum bei Männern gekommen, wie es manchen Jugendlichen während der Pubertät widerfährt oder als Begleiterscheinung von Lebererkrankungen auftreten kann.
Die im Hopfenextrakt enthaltene Substanz würde auch die durch übermäßigen Bierkonsum verursachte Neigung zu schwammiger Fettleibigkeit einschließlich „Mannertutteln“ auslösen.
Der Erzähler der Geschichte versuchte mir damit seine Vermutung nahezubringen, Weintrinker würden weniger zur Leibesfülle neigen als Biertrinker, obwohl beide regelmäßig die gleichen Mengen an Alkohol aufnähmen.
Es könnte sein, daß ich dabei einer Wuchtel-Geschichte aufgesessen bin – wie einst jener, die mir mein Vater im zarten Kindesalter, vielleicht als Vorgriff zum Verständnis der Theorie von der Entstehung der Arten, erzählt hat:
Daß die Neufundländerhunde im Gegensatz zu den Bernhardinern Schwimmhäute zwischen den Zehen hätten, weil sie sich im kalten Polarmeer zur Rettung von Schiffbrüchigen häufig zwischen kleinen Inseln und treibenden Eisschollen fortbewegen müßten.
Diese Behauptung war eine glatte Lüge, wie ich im Verlauf meiner späteren Kindheit erfuhr, als ich glaubhaft darüber belehrt wurde, daß die Hunderasse Neufundländer nicht dem kalten Nordosten Kanadas entstammt.
Zum Glück …
Das Internet ist ein Informations-, kein Lesemedium.
Experimentelle Literatur und Fotografie dort einzubringen, hat für einen Österreicher noch was von avantgardistischem Aktionismus.
Man erreicht – Beständigkeit vorausgesetzt – auch ohne Unterstützung von Journalisten Bekanntheit , die ohne das Web undenkbar wäre.
Würde ich einmal ein Büchlein veröffentlichen, hätte ich vielleicht einen kleinen Vorteil.
Aber ich bin Invalidenrentner und arbeite hier aus therapeutischen Gründen.
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„Es gibt jemanden, der dich liebt.“
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An einem Montag.
An einem Montag hatte ich am Vormittag einen Termin bei einer Ärztin.
Ich fuhr mit dem 13a zum Südbahnhof.
Dort sah ich einen abgerissenen Kerl um eine prallgestopfte Reisetasche herumstolpern, der, hinter kahlen Sträuchern kaum verborgen, die Hosen herunterließ, sich bückte, und schleunigst ein Geschäft verrichtete, daß es zischte, gerade nach hinten an eine Mauer.
Er fischte aus der Hocke nach einem abgestorbenen Blatt.
Er sah aus wie ein Bekannter von einst, Günther B.
Ich setzte meinen Weg durch den noch trostlosen Schweizergarten fort und nahm mir vor, die beunruhigende Wahrnehmung später zu notieren.
Ich sah auf meine polierten Schuhspitzen und fragte mich, ob ich ein schlechtes Gewissen haben müßte, daß mich das Schicksal, verglichen mit Günther B., scheinbar begünstigte.
Vor vielen Jahren hatte ich bei ihm auf einer Matratze übernachtet.
Einmal war ich dortgewesen, um ausgiebig Sex mit einer Freundin haben zu können.
Jemand, von dem das Gerücht ging, er wäre Gendarmeriebeamter, erschien.
Er stieß sich hysterisch an meiner Anwesenheit.
Wir rauchten ein Stückchen Haschisch aus einer ausgehöhlten Karotte.
Der Besucher machte einen argwöhnischen, ertappten Eindruck und verschwand schnell wieder.
Als ich frühmorgens hinaus auf die Toilette tappte, konnte ich sehen, wie Günthers Freundin, ein verschlossenes, hageres Mädchen mit geschwungener Nase, splitternackt vor ihm kniete und mit angespitzter Zunge an seinem Ständer herumleckte.
Es hatte Erlebnisse mit B. gegeben, aus denen ich niemals schlau geworden war.
Einmal hatte er mir vorgeschlagen, für ein unbekanntes Druckwerk einen Artikel zu verfassen, über persische Studenten, die österreichichen Studenten die Studienplätze wegnähmen.
Weder er noch ich hatten jemals studiert.
Ein anderes Mal hatte er mehrfach bei der Mutter einer gemeinsamen Bekannten angerufen, um sie eingehend, sogar weinerlich, vor dem Umgang mit mir zu warnen.
Er schuf passable Federzeichnungen:
Eine zeigte eine Freiheitsstatue, die über viele mächtige Plateaus zu erreichen war, eine Art Schichtmodell.
Bevor ich ansetzte, den Gürtel in Richtung dritten Bezirk zu überqueren, betrat ich ein Pissoirhäuschen, um mich an der nach Limonenöl riechenden Steinplatte zu entleeren, weil mir Kälte und Termine die Nieren quetschten.
Die Ärztin hatte eine Freud’sche Couch in ihrer Ordination, und auf dem Tischchen, an dem wir saßen, stand eine Box Kleenex-Tücher.
Ich fragte sie, ob viele Frauen zu ihr kämen.
Diese Frage schien ihr unangenehm zu sein, als würde sie sich insgeheim ärgern, daß ich Frauen mit Heulen assoziierte.
Ich beklagte mich, daß die diffamierenden Anrufe auch in dieser Firma wieder begonnen hätten, und ich dem bösen Treiben hilflos gegenüberstünde:
Ich würde das Büro betreten, aber die Kollegen grüßten mich nicht mehr und blickten mich forschend, ja lauernd an.
Am Nachmittag hatte ich einen kurzen Dienst.
Um ja nicht zu spät zu kommen, nahm ich in der Kochgasse ein Taxi und ließ mich zum Karmeliterplatz führen.
Ich betrat das Büro, die Kollegen grüßten mich nicht und sahen mich forschend und lauernd an.
Am frühen Abend fuhr ich mit der Tramway nach Hause.
Dort stand die Tür einen Spaltbreit offen und Kater Schrammel guckte mir aus dem Dunkel entgegen.














