Alles Inferno.
Verfasst von morath am November 24, 2007
Schabes finaler Run For Respect.
1. Kokain
„Die Rabensteiner ist schuld!“
beklagt sich sie leidgeprüfte Mutter des Sohnes, der, im Wiener Untergrund verschanzt, sich weigerte, nach Hause zurückzukehren, bei Frau Lebzelter, während sie mühsam einen großen Tupperware-Container aus dem Einkaufsroller gräbt und auf den Schreibtisch in der Drogenberatungsstelle hebt.
„Zwetsckenfleck. Für die armen Süchtigen am Hauptplatz. Denkt eigentlich jemals jemand daran, dass diese Menschen Hunger haben? Sie können gerne auch ein Stück versuchen.“
Frau Lebzelter winkt ab .
Die unglückliche alte Frau greift zu.
„ … weil sie ang’soffen war wie ein Tschick.“
Eine chronische Alkohlikerin wäre die alte Rabensteiner, die Augenärztin, gewesen, die längst in Pension gehört hätte, die hätte ihrem Sohn die Brille falsch angemessen, wahrscheinlich hätte sie doppelt gesehen während der optometrischen Untersuchung, vor lauter Schnaps.
“Der Bub konnte ja noch gar nicht richtig lesen!”
Rechtzeitig vor Schulbeginn wäre sie mit dem Buben in ihrer Ordination gewesen, ganz genau könnte sie sich erinnern, sein braunes Manterl hätte der Bub getragen und sein kariertes Kapperl mit den Ohrenklappen, und die Regenschuhe, mit denen er so gern in die Pfützen hüpfte.
Viel zu schwach wären diese Gläser gewesen, besonders das linke. Vielleicht doch eine Erbkrankheit.
Auch seine Klassenlehrerin, Frau Röckl, hätte gar nichts gemerkt, weil er ja immer ganz vorne gesessen wäre.
„Diese … Scheiß-Waben.“
Frau Lebzelter reicht der Mutter, die von einem heftigen Weinkrampf gebeutelt wird, ein Päckchen Papiertaschentücher.
Vielleicht hätte ja der Großvattr Schulden bei ihr hinterlassen gehabt, denn es wäre die Rabensteiner gewesen, die ihm immer Kokainlösung verschrieben hätte gegen seine Augenschmerzen, die er sich dann Tag und Nacht in alle verbliebenen Blutgefäße gespritzt hätte bis zum letzten Tropfen – jetzt könnte sie es ja sagen, einst hätte sie es nicht gewagt – anzeigen hätte sie ihren Vater damals müssen, und die alte Kanalli gleich mit.
Aber sie könne sich noch gut erinnern an Schabes erstes Brillenetuei, ein kleines Kinderbrillenetui aus grünem Schlangenleder, mit einem kleinen gelben Putztuch vom Optik Radler, mit dem er dann immer seine Füllfeder abgewischt hätte, damit er nicht die Hausaufgaben verpatzt, aber die Brille, die hätte der nicht aufgesetzt, und auch Frau Röckl hätte sich nicht darum gekümmert.
„Hätte ich mich vielleicht in der Schule zum Buben dazusetzen sollen?“
2. Morphin
Der Grazer Bürgermeister Ricky Siegl steht im goldenen Sakko am Balkon seines Rathauses und trifft im engen Kreise Vorbereitungen für das Aufstellen des jährlichen Weihnachtsbaumes.
Er peilt über den Daumen, beschreibt Platzierungen und Proportionen mit Gesten seiner Hände, es sieht aus, als würde er vor Vertretern von Stadtsenat und Magistrat, die sich im Hintergrund halten, Thai-Chi-Übungen machen.
Unten am Erzherzog-Johann-Denkmal haben sich ein paar Punks und Obdachlose versammelt, darunter ihr Sprecher, eine hünenhafte Erscheinung mit einem beeindruckenden Irokesenrad.
Er pfeift lang und laut auf zwei Fingern, um sich, als Siegl zu ihm hinunterschaut, umzudrehen, seinen Schottenrock anzuheben und mit lässigem Hüftschwung seine Hinterbacken zu präsentieren.
Die anderen aus der bunten Truppe machen obszöne Gesten und schneiden Gesichter.
Siegl, wenig beherrscht, zurück: „Schleicht’s euch, Ihr versifften Kakerlaken! Ich schick’ euch die Ungeziefervertilger!“
Frau Lebzelter erscheint, in Begleitung der alten Mutter, die, eben dem Taxi entstiegen, ächzend und schnaufend, Schritt für Schritt, ihr Einkaufswagerl hinterherzieht.
„Die brauchen wirklich unsere Hilfe!“
Da nähert sich, vom Andreas-Hofer-Platz herüber, mit quietschenden Reifen, ein roter Alfa Romeo mit Wiener Kennzeichen und hält beim Meinl-Eck.
„Die Connection! Da ist die Connection!“ ruft eine spinnendürre Süchtige aus der Gruppe der Hauptplatzpunks und rennt auf das Fahrzeug zu.
Die getönte Scheibe wird fahrerseits heruntergelassen und das zahnarme Mädchen nimmt hocherfreut ein Paketchen entgegen.
„Die Substitol san do!“ ruft einer aus, und der Oberpunk zieht schleunig seine Unterhose hoch.
Die Gruppe verschwindet eilends vom Brunnen und zieht sich in eine Passage neben dem Feinkostgeschäft zurück.
Siegl zetert noch aufgebracht in sein Handtelefon, während sich von Murgasse, Sackgasse und Schmiedgasse her Streifenwagen mit Blaulicht annähern, um dem Wiener Kraftfahrzeug den Weg abzuschneiden.
3. The End.
Die alte Mutter: „Jesus, Maria und alle Heiligen, ich fürchte, das ist der Schabe!“
Frau Lebzelter: „Die Zwetschkenfleck können wir selber essen.“
Die enttäuschte Mutter: „ Es sind genug da. Außerdem steht der Baum noch gar nicht. Ich hatte mir das festlicher vorgestellt. Greifen sie nur zu!“
Frau Lebzelter: „Danke … bunte Lichter haben wir jedenfalls genug!“
„Und gleich gibt’s die Spritzkerzen dazu! Greifer hoch, Schastrommel!“
Ein mit einem Palästinensertuch Vermummter in einer braunen schweren Lederjacke springt von hinten heran und nimmt Frau Lebzelter in den Würgegriff.
„Schöne Grüße vom Mexikoplatz. Und keine Fisimatenten!“
Der Terrorist hebt mit der anderen Hand eine Maschinenpistole der Marke Uzi.
Frau Lebzelter: “Drahn’s keinen Datsch! Noch kommen’s mit einer Therapie davon!”
Er lässt eine Salve in Richtung Rathausbalkon knattern.
Siegl preßt eine Hand gegen die Brust und sackt zusammen: „Aaah!“
Selten ist es auf dem Grazer Hauptplatz ruhiger gewesen als in diesen Augenblicken.
Die Folgetonhörner der Einsatzfahrzeuge verstummen, die Straßenbahen stehen still.
Breitbeinig haben Polizeibeamte mit Pistolen im Anschlag den kleinen Alfa umkreist, die Türen stehen weit offen.
Vom Fahrer ist nichts zu sehen.
Es richten sich Scheinwerfer auf den Vermummten, der die vor Schreck erstarrte Frau Lebzelter, mit weit aufgerissenen Augen, Hände an den Ohren, in seiner Gewalt hält.
Da hört man – es nähert sich ein Hubschrauber.
Ein Megaphon ertönt: „Achtung! Achtung! Hier spricht die Polizei. Geben Sie auf, Buxkandl! Sie sind identifiziert! Lassen Sie die Frau los! Jeder Widerstand ist zwecklos! Sämtliche Sondereinheiten sind unterwegs.“
Die alte Mutter, nach Luft ringend: „Schöpsel! Gib endlich auf! Es geht um dein nacktes Leben! Toby kann dir helfen!“
Der Hubschrauber des Innenministeriums steht hoch über dem Erzherzog-Johann-Denkmal und sinkt bedrohlich, mit ohrenbetäubendem Geknatter, tiefer und tiefer.
Der Grazer Hauptplatz – beschallt und beleuchtet wie einst der Dancefloor im Stardust-Club, wenn gegen Mitternacht Teile aus der Quadrophonie-Edition von Pink Floyds „The Wall“ eingespielt wurden.
Die alte Mutter: „Du hast LSD genommen!“
Der Vermummte: „Falsch! Ihr habt LSD genommen! Die Companeros haben euer Trinkwasser damit versetzt! Könnt ihr es noch nicht spüren? Und jetzt: Alles Blutrausch!“
Buxkandl reißt sich das Palästinensertuch vom Kopf, stößt die vor Angst erstarrte Frau Lebzelter brutal zur Seite und zielt beidhändig in das Zentrum des Lichtkegels, der ihn aus dem Hubschrauber blendet.
Er feuert, bis das Magazin leer ist.
Eine Explosion, und es hagelt blaue Polyesterteile mit orangen Streifen.
Die zerschmetternden Rotorblätter schwirren wie Granaten durch die Luft.
Der Helikopter stürzt ab, es folgt eine heftige Detonation, der verbliebene Corpus der Flugmaschine zerbirst inmitten eines Flammenmeers, das auch das Erzherzog-Johann-Denkmal und die Fassade des Rathauses verschlingt.
Die dramatischen Ereignisse an diesem Nachmittag im November erschüttern das ganze Land.
TYP-DOM « CatCam sagte
[...] Alles Blutrausch [...]