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by morath

Freispruch für Pappa?

Verfasst von morath am März 1, 2008

Wie ein Machwerk, das gar nicht so viele Menschen gelesen haben, dazu beitrug, das Klima in Österreich zu vergiften.

Damals hatte ich guten Glaubens für Kredite mitunterzeichnet, mit denen in der Untersteiermark Wohnraum für alle geschaffen werden sollte.

Alkohol war der Katalysator, mit dessen Hilfe eine Familie von kleingläubig und glücklos aus der Erziehung gefeuerten Menschen in einem Lebensalter, in der es normalerweise normal ist, wenn alle ihre eigenen Wege gehen, verspätet zusammengeflickt war.

Jedes Wochenende traf das beste Ehepaar meinen Vater, meine Schwester, ihre beste Freundin und deren beste FreundInnen an einem Badesee und bestellten und tranken und grillten und kauten und quatschten.

Niemand dort war jemals nüchtern.

Nachdem ich aber jene verhängnisvolle Unterschrift geleistet hatte, wollten wir auch aus einem anderen Grund nicht dazugehören.

“Freispruch für Hitler!” war umgegangen.

Jemand hatte das Geschreibe voller Begeisterung importiert und meinem Vater zum Geburtstag überreicht, der darüber zu meiner Überraschung in heller Lebensfreude ausbrach.

Er hätte längst gewusst, daß andere Zeiten bevorständen.

Binnen kurzem waren wir umgeben von begeisterten jungen österreichischen NationalsozialistInnen, die – bauchige Biergläser und senftriefende Pusztakoteletts schwingend – nicht länger zurückhielten, mit geölten Brüsten und geröteten Häuptern entsprechende Lieder anzustimmen.

Schluchzen: “Pappa war so gerne Hahn im Korb!”

Meine Abscheu und Verstörung waren groß.

Ich wußte nicht, wer von jenen Leuten “Freispruch für Hitler!” so beeindruckend fand, um dessen Geist ein Loblied singen zu müssen, oder ob es nur eine ansteckende Schnapsidee gewesen war, aus zu befürchtendem Mangel an Gesprächstoff, in einer arglos dahinfeiernden Wochenendrunde von alten Pfadfindern und jungen Schlucktauberln sommerabends mehr Enthusiasmus anzufackeln.

Unüberhörbar weiters, wie über Köpfe hinweg Berechnungen angestellt wurden, die mit unserer zukünftigen Arbeitsleistung und Ersparnissen Nichtanwesender spekulierten.

15 Jahre später präsentiert sich das ehemalige Familienprojekt als gähnender Krater, über dem ein abschließendes Fragezeichen langsam im Kreise verpufft, wohin eine sechsstellige Eurosumme verschwunden wäre.

Was haben Casinobesuche, deutsche Limousinen, jahrelang Privatdetektive, Finanzierungsberater, ein eigenes Reitpferd, viel Schaumwein, Traumreisen, Wünschelrutengänger und die Zauberin Uriella gemeinsam?

Haus und Grund mussten verkauft werden, und Regressforderungen laden erneut vor Gericht.

Mehrfach wurden Briefe und Unterschriften ungeniert gefälscht und nach Jahren niederträchtiger Auseinandersetzungen wird mit einem Mal wieder versucht, eine Absprache im Osternest herbeizuführen.

Die Auffassung von Glauben, Demokratie und Recht, die Frage nach der staatsbürgerlichen Mündigkeit einer Gesellschaft, die sich im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends für “Freispruch für Hitler” entschied – auch wenn sie das Büchl gar nicht gelesen hat – bleibt ein Rätsel.

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