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Tubifex | Jul 05th 2009

In der Stadt, in der ich aufwuchs, gab es am Lendplatz, der einmal ein Vorstadtzentrum gewesen war, eine Zoohandlung.

Das Haus an der Keplerstraße sah aus wie von einem mächtigen Stiefel  niedergetreten.

Ich konnte mir nicht vorstellen, daß in dem einzigen Stockwerk mit den rostigen Rollläden jemand wohnte, so geplättet sah die Hütte aus.

Ein Haus wie aus Karton und Pappe.

Ebenerdig befand sich die Zoohandlung Niederlechner,  darin Herr Niederlechner, ein beleibter Mann mit ausgeprägter Stirnglatze und einer  Brille mit massivem schwarzen Gestell.

Der Laden beherbergte in neonröhrenbeleuchteten Aquarien Süßwasserzierfische aus aller Welt; außerdem Kanarienvögel, Wellensittiche,  Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen.

Selten waren Papageien, Rassekatzen oder Hundewelpen zu sehen, die in der Auslage untergebracht wurden und schnell verkauft waren.

Herr Niederlechner hockte tief  hinter seiner Budel (*) unter einem Plafondventilator, las große Zeitungen und blickte über den Brillenrand, wenn jemand das Geschäft betrat.

Er erinnerte mich an ein Nilpferd von zurückhaltender Freundlichkeit, umgeben von bauchigen Jutesäcken voller  sorgfältig gehäufter Körnerfutter, die er mit einer Greisslerschaufel in Papiersäcke füllte, abwog und mischte.     

Manchmal kamen Kinder, um Kleintiere zu bestaunen, was Herr Niederlechner grunzend gewährte.

Mein Vater war Aquarianer, es gab in unserem Wohnzimmer ein Gestell mit drei ansehlichen Aquarien mit Fischen, die er bei Herrn Niederlechner erwarb.

Es gab fortpflanzungsfreudige Guppys, Goldfische – eine Art winziger roter und schwarzer Karpfen mit Schleierflossen, blaurotgrün schimmernde Neons, maulbrütende Buntbarsche – ähnlich denen in der Wiener Lobau -  sowie allerlei größere, prächtige Exemplare mit tastenden Mundfühlern und wehenden Flossen, die fremdartig anmuteten, beinah wie Meerwasserfische, sehr empfindlich und teuer.

Die Aquariumfische wurden als lebende  Ware zweifach in Plastiktüten gepackt und zwischen Zeitungspapier transportgeschützt.

Herr Niederlechner verkaufte auch Filter und Belüftungsanlagen, elektrische Pumpen und Wasserreinigungssysteme mit dünnen Schläuchen, aber auch meterweise jenen Schlauch zum Ablassen, mit dem mich mein Vater aus Erziehungsgründen gerne züchtigte.

Es gab Ständer mit Tierspielzeug, Beißkörbe, Halsbänder und Leinen, Plastikknochen und Gummiigel, die quietschten, gedörrte Schweineohren und getrocknetes Schlundmaterial.

Gelegentlich schwammen in einem von Herrn Niederlechners Aquarien Kammmolche, einmal ein Babykrokodil, später wurde es modern, Wasserschildkröten in Terrarien zu halten und andere kleine Reptilien.

Es roch exotisch, nach Hirse und anderen Körnern, nach Savanne und Steppe.

In der Zoofachhandlung von Herrn Niederlechner war wenig Platz.

In einem anschließenden Raum wurden Küken ausgebrütet und in engen Käfigfächern mit Kohlefadenglühbirnen und Rotlicht gewärmt.

Da waren frischgeschlüpfte Hühner, Enten und manchmal auch Gänse, die piepten und tschiepten und waren allerliebst anzusehen.

Dahinter ein düsterer Raum, der zum Hinterausgang führte, mit einem großen offenen Sicherungsschrank, gegenüber ein Wasserhahn über zwei Spülbecken, von denen eines unter Wasser stand.

Wasser tropfte in Kübel.

Hier züchtete Herr Niederlechner auf  gestapelten Siebgittern Tubifexwürmer, die er mit hochgekrempeltem Ärmel mit der bloßen Hand löste, in Zeitungspapier einschlug und dekagrammweise verkaufte.

Seine mächtigen Arme und Handrücken waren schwarz behaart, wie die meines Vaters.

Und er trug einen Goldring mit einem schwarzen Stein, wie auch der Vater einen besaß.

Die Würmer wurden zuhause  mit einer linguistisch interessanten Fingergeste in kleine schwimmende Siebe in den Aquarien umgesiedelt, aus denen sie sich nach unten zu befreien suchten, sofern sie nicht vorher von gierigen Fischmäulchen aus dem Sieb gezerrt und verschlungen wurden.

Man sagte unter Aquarianern, daß diese roten Würmer, anstelle der üblichen Trockenfutterflocken oder ergänzend serviert, den Nahrungsansprüchen von Zierfischen bestens entsprächen.

Niemals kam es vor, daß sich die Tubifex-Würmer, als Zehn-Deka-Portion auf Herrn Niederlechners Pranke weder appetitanregend noch besonders ekelerregend anzusehen, in den Aquarien ansiedelten und vermehrten.

Sanken einzelne schlängelnd zum Kiesboden und hefteten sich an, wurden sie bald von einem aufmerksamen Guppy erspäht und verzehrt.

Manchmal kam mir vor, daß Herr Niederlechner, der Kleintierhändler mit Krawatte im grauen Lageristenmantel, der mit einer tiefen Bauchstimme sprach, ein Verwandter sein könnte.

Vielleicht war es auch die Ähnlichkeit mit einem Fernsehkoch, die ihn mir seltsam bekannt erscheinen ließ.

Er unterhielt sich mit ihm in akademisch anmutender Kompetenz, wenn wir an Samstagvormittagen sein Geschäft betraten und der Pappa nach interessanten Schnäppchen Ausschau hielt.

Manchmal entfernte mein Vater Wasserpflanzen aus seinen Aquarien, brachte sie Herrn Niederlechner mit, und bekam dafür Spezialitäten.

Einmal einen aggressiven Katzenwels, der sich als gnadenlos entpuppte, unheimlich schnell wuchs, dann um jeden Preis ausbrechen wollte, und meiner Mutter beim aufgeregten Einfangen in den Finger biß, sodaß sie genäht werden mußte.

Ein anderes Mal einen liebenswert glubschäugigen, fingergliedgroßen, samtig gelben Kugelfisch mit schwarzen Tupfen, der unglücklich wirkte, sich zur Enttäuschung meines Vaters kein einziges Mal aufblies und nach kurzer Zeit einging.

Für Herrn Niederlechner sprach, daß es in seinem Tierkrämerladen keine Affen gab.

Andere Tierhandlungen hielten  unter schändlichen Bedingungen kleine Affen aus allen Kontinenten, die verletzt waren oder sich gegenseitig  verletzten,  kreischend  ihn ihren Kisten wüteten, durchgedreht an Käfigtüren rüttelten und nach allem griffen, was ihnen hingehalten wurde.

Südamerikanische Löwenäffchen, afrikanische Makaken und indische Meerkatzen wurden in Papageienkäfigen zur Schau gestellt oder westen invalide in Kaninchenställen vor sich hin.

Manche der  kleinen Primaten masturbierten oder probierten aneinander Kopulationen, und manche Menschen betraten jene Tierhandlungen nur, um sich an den kleinen Affen zu belustigen, ihnen hässliche Gesichter zu schneiden oder ihnen blöde grinsend glühende Zigaretten zu reichen.

Alle diese Äffchen verendeten nach kurzer Zeit, das wußten die Zoohändler, und stellten sie dennoch zur Schau.

Ich hielt Herrn Niederlechner für einen klugen Mann, weil er eine friedfertige Ruhe ausstrahlte, und  keine abstoßende Tierschau erwähnter Art betrieb.

Es roch in seinem Geschäft nicht nach Exkrementen, Urin und beissender Panik, es gab nichts Grausames zu sehen, keine einäugigen Affen mit abgebissenen Ohmuscheln und streichholzgroßen Erektionen, keine verzweifelten, in Käfigecken kauernde kleine Menschen.

* Budel: Verkaufspult, Theke.

 


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