Lügen-Familie in der Medizinaldiktatur.
Die Mutter war vielleicht in dem Irrlauben aufgewachsen, daß die wertvollsten Bestandteile aller Nahrung als Fett gespeichert würden.
Von einer ausgewogenen Ernährung, von Eiweißen und Kohlehydraten, hatte sie als Kind, während des Zweiten Weltkriegs versteckt in einem Graben in der Umgebung von Graz aufgewachsen, keine Ahnung gehabt.
Dort hausten Menschen fast wie im Mittelalter in schindelgedeckten Hütten, zwischen dichten Urwäldern, ohne Strom und Leitungswasser: Beeren-, Pilz- und Honigsammler, Köhler, Schaf-und Ziegenhirten; zwischen Niederalmen und Murenhängen, eisigen Bächen und Wassermühlen, Wald- und Bergbauernbauernvolk in geflickten, gewendeten Hosen und Jankern und Holzschloapfen, urtümliche Menschen mit geschwärzten Gesichtern und Händen, für die Graz eine kaum erreichbare Hauptstadt in einer anderen Welt war.
Fingerbreit Butter auf einem dicken Keil Brot, Schmalz mit Grammeln nicht schmäler, versetzte die Mutter in Entzücken, welches sie auf dem Bauch liegend, durch Romane blätternd, mit großem Genuß verzehrte.
Die derbe Vorausschlussfolgerung, daß im Leben von zwei Kindern eines auf die Butterseite fallen müsste, leitete sie aus ihrem dualistischen Proviantlagerbewußtsein ab.
Beim kontemplativen Austunken von warmem Brat’lfett, dem entrückten Aussaugen von Markknochen, aus der abgestellten Rindsuppe gefischt, auf der die Fettaugen schwammen, dick wie die Nullen auf einer Greisslerauslage, schlug das Herz ihr höher.
Obwohl meine allerersten Erinnerungen ein attraktiveres Bild - das einer aufgeweckten, hübschen, lebenslustigen Frau reflektieren, die Haarschleife, Pettycoat und Schuhe mit Bleistiftabsätzen trug, hafteten altertümlich oder kindlich anmutenden Gewohnheiten wie Schatten aus vergangenen Zeiten an ihrer Persönlichkeit – als könnte sie sich davon nicht befreien, weder vom beidhändigen keuchenden Schlürfen aus Krügen statt des Trinkens aus Gläsern, noch vom Ansetzen der Milchflasche beim Öffnen des Kühlschranks, wobei ein Bärtchen Rahm an ihrer Oberlippe haften blieb, den sie mit einem kleinen Seufzer der Freude ableckte.
Die Mutter schwärmte voll inbrünstiger Begeisterung von unglaublichen Schlachtmählern wie dem Blut- und dem Türkentommerl.
Bei vielen Gelegenheiten wies sie darauf hin, daß es im Krisenfall von oberster Notwendigkeit wäre, Meerschweine zu mästen und zu verspeisen, wobei sie im Dienste der Familiengesundheit vor deren Keulung oder Stechung keinesfalls zurückschrecken würde.
Wenngleich sie bürgerlich altösterreichische Gerichte gelungen zuzubereiten wußte, wobei sie sich gerne an einer aus dem Leim gehenden biedermeierlichen Rezeptsammlung orientierte, wurde sie den Glauben an den unübertrefflichen Wert tierischer Fette und die Unverzichtbarkeit von Fleisch niemals los.
Den Verzehr von gekochten geselchten Schweinerippen, wenn sie eine Selchsuppe mit Eingetropftem zubereitete, zelebrierte sie alleine, bäuchlings auf dem halboffenen Bett ruhend, nur ein Hemd des Vatters übergezogen.
So empfing sie mich oft nach der Schule, Venus, am Beine knurspelnd, mit fettglänzendem Munde, und es dauerte eine gute Weile, bis zur Suppe ein Essen bereitet war, ein gebratener Leberkäse mit Findus-Fisolen oder ein Berg Erbsenreis mit Endivisalat oder ein Kaiserschmarren und eine Schüssel Apfelkompott.
Zur Jause gab es Butterbrot, Schmalzbrot oder ein Kleingebäck mit Powidl, Selch- oder Hamburgerspeck, seltener Wurst und Käse.
Meine Verpflegung zur Schule erfolgte beiläufig und gedankenlos.
Sie war vom Gewicht nicht zu gering bemessen, oder verdorben – aber es gab, was es gab, tage- und wochenlang.
Ich litt in der Schule Hunger, dabei ekelte mir vor den sich ansammelnden Jausen - eine Diskrepanz, die mit meinem Nichtfunktionieren als Kind und Schüler im Lauf einiger Jahre ein untragbares Ausmaß annahm.
Anstatt mir verständlich zu machen, wie wichtig der Verzehr von Obst wäre, oder appetitanregende Früchte einzukaufen, gab es ein Packerl Sanostol von der Frau Doktor überm Gürtel, das mir in der Tat besser schmeckte als die angeschlagenen, wurmlöchrigen Apferl vom Großpapa mit Jutesackaroma.
Bis an der Rand der Pubertät trieb ich als bebrillter, pagenköpfiger Bübling ohne markante Gesichtszüge durch die Zeit, der eher in die Breite als in die Höhe zu wachsen drohte.
Weil ich mich unter der kommandierenden, launenhaften, mit dem Holzlineal züchtigenden Frau Lehrerin Just überhaupt nicht konzentrieren konnte, und gute bis durchschnittliche Noten den Eltern mangelhaft erschienen, bekam ich eine Zeitlang Tinktur zur experimentellen Intelligenzsteigerung, eine Mischung aus Schlankheitstropfen, Eisenoxid und Vitamin B, was eine wesensverändernde Wirkung bei mir zeitigte, bis sich herausstellte, daß ich vor allem kurzsichtiger war als bislang festgestellt.
Man verpasste mir eine scharfe Brille und dazu gleich eine Gaumenhaftzahnregulierung, letztere legte ich bald wieder ab, weil Frau Lehrerin Just sie nicht duldete.
Als ich von Mädchen tagträumte, mich beim Blockflötenblasen betont albern anstellte, Geschichten erfand, um von der Schule abzulenken und einmal mit einer Schultasche voll Disney’s lustigen Taschenbüchern im Keller abtauchte, statt zum Unterricht zu gehen, wurden die Tropfen wieder abgesetzt.
Meine Mutter bekam Angst, ich könnte vorzeitig vermännlichen und schwerer zu bändigen werden.
In der dritten Klasse Volksschule wurde ich zwischen den Elternteilen zu beiden Seiten der Telefonverbindung so nachhaltig aufgerieben, bis die Hämatomsalbe pasta plumbi zum Einsatz kam, und eine Besserung meiner Leistungen nur eintrat, als mir der Vater eine Zeitlang abends bedrohlich zähnefletschend Rechennachhilfe einbläute.
Ich war ein nervöses, manisch-depressives Kind, litt unter Angstzuständen, Konzentrationsstörungen, juckenden Kopfschuppen, restless legs, Einschlafstörungen und Schweißausbrüchen, und fühlte mich in der Kleidung, die meine Eltern für mich kauften, fast immer sehr unwohl.
Als der Großvater in einem Pflegekrankenhaus mit anus praeter, ein wehklagender Märtyrer auf einem Kirchengemälde, zu dritter Klasse in einem Bettensaal verstarb – infolge einer Bauchhöhlensepsis nach einer lange verharmlosten und verschwiegenen Stichverletzung - fuhr mein Vater mit mir auf den Grund und durchsuchte die Keusche, mit offenkundig enttäuschendem Ergebnis, aber tief drinnen im stockfinsteren Lehmkeller fand er, mit Braunpapier umwickelt, eine dickwandige Medizinalflasche mit geschliffenem Glasverschluß mit Klumpen von Kokain, die er wortlos in seiner Aktentasche verstaute.
Kinder vom Nachbargrundstück kamen wie verspielte Hunde angelaufen und fragten ahnungslos nach Herrn Dorn.
Mein Großvater wäre schon gestorben, teilte ich ihnen, männliche Lässigkeit mimend, über die Schulter und den morschen Lattenzaun mit.
Mein erster persönlicher Kommentar war indes gewesen, der alte Depp wäre nun endlich tot, nachdem meine Mutter die Ablebensnachricht am Telefon entgegengenommen und mit unerwarteter Fassung verkündet hatte.
Ich fragte mich später oft, warum ich so reagiert hatte, aber es waren die Worte meines Vaters.
Der Großvater war falsch gewesen.
Die Eltern sind falsch gewesen.
Wenn es um Weckamine ging, taten Eltern, als wüßten sie von nichts, dabei waren Aufputschmittel und Schlankheitstropfen in den sechziger Jahren so weit verbreitet gewesen wie heute Antidepressiva.
Vor allem Frauen bekamen Weckamine.
Die Verweigerung der Verschreibung von Weckaminen hatte mitunter persönliche Gründe und konnte sadistische Formen annehmen, arrogante Sanktionen durch haifischgrinsende Vertreterinnen einer weissbekittelten Bildungselite.
Empfindliche Wesen, die für rülpsende Betrüger ihre Hemmungen fallen lassen und ihr Innerstes nach Außen gekehrt hatten, zogen sich hilflos in Schneckenhäuser zurück – unfähig, eine Erklärung zu finden für diese Wirklichkeit und die Illusion von beständiger Harmonie und Leidenschaft.
Sie erfuhren keinen Trost mehr, vereinsamten, und verblassten in einer vergangenen Zeit.
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