Vielleicht.
Zwischen zwei Gefängnisaufhalten von einem Jahr Dauer verbrachte ich drei Jahre in völliger Planlosigkeit.
Ich hatte kein richtiges Zuhause und wußte wenig mit mir anzufangen.
Ich hatte nicht einmal mehr einen gültigen Reisepass, obwohl ich davor schon in London, Paris, Südfrankreich, Rom, Athen, Istanbul, und sogar in Ägypten gewesen war.
Hin und wieder ließ mich die Mutter ein paar Tage lang bei sich wohnen, später gelegentlich der Vater.
Die Eltern waren sich darüber einig, daß ich längst erwachsen wäre.
Die praktische Unmöglichkeit, einen tragbaren Job zu ergattern, hing mir wie eine eiserne Kugel am Fußgelenk.
Ich trank Bier um Bier, schluckte Aufputschpillen, griff mir ein Moped, stellte mich an die B 54 und stoppte nach Wien, schluckte mehr schnelle Pillen, kiffte, verkaufte ein paar Plätzchen Haschisch weiter, und trieb mich herum.
Da und dort fand ich für ein paar Tage oder Wochen Unterschlupf.
Bei Gelegenheiten nahm ich Heroin und andere Drogen, und kochte später Mohnkapseln aus.
Wenn die Akkus leer waren, nahm ich manchmal zwei, drei Barbiturat-Tabletten gegen den sich aufblähenden Horror und vergaß, wer und wo ich war.
Mehrmals landete ich in psychiatrischen Stationen, wo ich mit starken Neuroleptika zwangsbehandelt wurde und nach ein paar Tagen wieder über die Mauer kletterte.
Vor gravierenden kriminellen Handlungen schreckte ich zurück, gerade einmal stieg ich bei einem Arzt auf den Balkon, schlug eine Scheibe ein und stahl zwei Hände voll Suchtgiftampullen und ein Sackerl rezeptpflichtige Medikamente.
Ein Bekannter, der mir den Tipp gegeben hatte, verriet mich, und ich wurde zu einem Jahr Haft verurteilt.
Später ließ ich mich zu einer Langzeittherapie überreden, die ich unterbrach und im folgenden Jahr noch einmal begann, bis ich schließlich erkannte, daß dort niemanden geholfen wurde.
Wenn ich als Kind oder Jugendlicher darüber in Kenntnis gesetzt worden wäre, daß es jüdische Verwandte gab, hätte ich möglicherweise mehr Wertschätzung für mein Dasein und andere Menschen entwickelt.
Vielleicht hätte ich in einem anderen Schultyp etwas darüber erfahren.
Hätte sein können.
(Der Vater sagte einmal über Juden, daß man von Juden nichts haben könnte. Er empfahl mir in späteren Jahren einmal das Buch „Memoiren eines Antisemiten.“ von Gregor von Rezzori.)
Tags: Aufklärung, Faschismus, Europa, Psychotherapie, European Union, Europe, Drogenpolitik, Fascism
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