„Pimmel auf den Tisch.“
Wenn es um Schutzgelderpressung geht, sind unsere Behörden und die politisch Verantwortlichen gerne schwer von Begriff.
Immerhin sitzen die Erpresser im Nationalrat und berufen sich auf im Durchschnitt unterstellbare Schulden, auch wenn gar keine vorliegen.
Man bietet den Geldaufstellern für die erste interurbane Magnetschwebebahn Europas, Teilstrecke mittleres Murtal, die Möglichkeit, im ORF aufzutreten und die Ratsche zu schwingen.
Erneut wurden wir diskret über die Möglichkeit eines Verkehrsunfalls in Kenntnis gesetzt.
Besser, sie hängen als Schutzengerl am Rückspiegel und fahren mit, Frau Minister.
Vielleicht sollten Sie sich einmal mit dem angerissenen Thema auseinandersetzen, bevor die Amtskollegin österreichische Staatsbürger zu Dummies dämlicher sicherheitspolitischer Vorkehrungsmaßnahmen macht.
Henko und Schenko.
G’witztheiten der alten Landsknecht’.
Heute:
„Gib’ einem falschem Hundling eine letzte Chance und er bringt morgen sein’ Zwillingsbruder mit.“
… und in Graz gibt’s Original Schloßbergkugeln. Die sind auch sehr gut.
Ein erstes Rockkonzert.
Ein Schulkollege, Edouin, interessierte sich auch für Rockmusik.
Er war ein sehr guter Schüler, doch hinderte ihn beträchtliches Übergewicht daran, im Erfolgskampf um das Klassenprimat in der allerersten Reihe zu stehen.
Edouin stammte aus einer wohlhabenden Familie, alteingesessene Bürger, Kaufleute.
Wenn unsere Eltern eines sicher gemeinsam hatten, war es das Donauland-Abonnement, und so entsprach der Kern unserer jungen Sammlungen von Langspielplatten ungefähr den spärlichen Pop/Rock-Empfehlungsseiten im Quartalskatalog.
Es könnten auch ähnliche Anstrengungen um Befreiungen vom Turnunterricht gewesen sein, die uns eine Zeit lang Freundschaft schließen ließ.
Er gehörte zu den Leuten, für die es selbstverständlich war, daß sie andere Aufgaben abschreiben ließen, oder bei Schularbeiten Lösungen weitergaben.
Damit erntete er, locker über den Kopf gegriffen, Anerkennung und Respekt.
Unglück dräute herauf, als die großherzige, gewichtige Mutter Edouins ihm den weiteren Umgang mit mir untersagte, in der Begründung, daß Kinder, die ihre Eltern anlügen, auch ihre Freunde hintergehen würden.
Anlaß war ein Konzert des Rockbarden Wilfried gewesen, der sich mit rustikal zurechtgequetschtem Rock’n’ Roll-Gefiedel in den österreichischen Charts hatte platzieren können, aber schon wieder aus der Mode zu kommen drohte, ebenso wie die Popgruppe Turning Point.
Bei einer gemeinsamen Revival-Veranstaltung im Haus der Jugend sollten sich die beiden Acts noch einmal ins Gehör des Publikums bringen.
In Wirklichkeit handelte sich eher um ein widerwilliges Abarbeiten von Vertragsverbindlichkeiten.
Jedenfalls war Edouin zu Freikarten gekommen, von denen er mir augenzwinkernd eine abtrat.
An einem quirligen Ende des Buffets des Orpheums zauberte Edouin Bier in kleinen Plastikbechern herbei und bot mir lässig eine Zigarette der Marke Falk an.
Zu meinem Erstaunen erschien nur wenig Publikum.
Es war leicht, einen Platz in der ersten Reihe zu bekommen.
Edouin kannte die Musiker beider Bands bei Namen und wußte über deren musikalischen Stamm zu berichten, während im Zwielicht der Bühne zu Musik aus dem Radio Kisten geschleppt und Kabel ausgerollt wurden.
Der Sänger Wilfried erschien in einer lächerlichen Aufmachung, Daumen in die Riemen einer Lederhose stemmend, an einem Fuß einen Bergschuh, den anderen setze er bar auf den Souffleurkasten, bevor er seine größten Hits zum Besten gab.
Außer einem hohlwangigen Guitarrero mit einem altmodisch großen Elektroinstrument war gerade niemand aus der Band anwesend, und es herrschte backstage ein halbverhangenes Geschiebe und Geschaefte von zankenden Managertypen und langhaarigen Roadies, bis endlich eine saitenstimmende Kapelle beisammen stand, und ein paar Nummern heruntergeschrammt werden konnten.
Danach wurden wieder Verstärkeranlagen herumgeschoben, besonders die Beleuchtung wurde verändert, Mitglieder der Gruppe Turning Point erschienen, ein akademisch geprüfter, rotbärtiger Brustklampfenschläger mit zwölfsaitiger Gitarre und Cowboyschlapphut, ein blonder hagerer Basszupfer mit entferntem Blick und frostiger Mine, und dazwischen ein bleichgesichtiger, wackliger Sänger mit jugendlich getrimmtem Oberlippenbärtchen.
Er stieg auf polierten Plateausohlen in einem glitzernden Frack ins Rampenlicht, mit einem mächtigen Zylinder aus Spiegelscherben auf dem Kopf, um im wabernden Trockeneisnebel noch einmal die effektüberladene Teenagerschnulze „Life is Going On“ unter die Anwesenden zu schluchzen.
Das magere Geklatsche des immer lichter gewordenen Publikums wurde von Gepfeife überstimmt, es dürfte sich in der Tat um eine Playbackshow gehandelt haben.
Ich war bereits äußerst nervös und mußte mich schleunen, den Mitternachtsbus zu erwischen.
Der Mutter hatte ich erzählt, ich würde mit der ganzen Klasse in Begleitung von Deutsch- und Mathematikprofessoren im Grazer Opernhaus „Land des Lächelns“ besuchen.
Es stellt sich bei der nächtlichen Befragung durch die betont verstimmten Eltern heraus, daß ich weder wußte, wie der Komponist hieß, noch, daß es sich um eine Operette, und nicht um eine Oper handelte.
Vielleicht war ich seit jenem Abend dazu bestimmt, einmal in einer grausamen Welt jenseits von Gesetzen leben zu müssen, wie Mondschein und Stift, von unheimlichen Legenden umrankte, rauchende, schnapstrinkende, umherstreifende Jungen, denen ich auf nebligen Wegen zum vergeblichen Mathematik-Förderunterricht mit kaltem Schauern begegnete.
In der Stadt, in der ich aufwuchs, gab es am Lendplatz, der einmal ein Vorstadtzentrum gewesen war, eine Zoohandlung.
Das Haus an der Keplerstraße sah aus wie von einem mächtigen Stiefel niedergetreten.
Ich konnte mir nicht vorstellen, daß in dem einzigen Stockwerk mit den rostigen Rollläden jemand wohnte, so geplättet sah die Hütte aus.
Ein Haus wie aus Karton und Pappe.
Ebenerdig befand sich die Zoohandlung Niederlechner, darin Herr Niederlechner, ein beleibter Mann mit ausgeprägter Stirnglatze und einer Brille mit massivem schwarzen Gestell.
Der Laden beherbergte in neonröhrenbeleuchteten Aquarien Süßwasserzierfische aus aller Welt; außerdem Kanarienvögel, Wellensittiche, Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen.
Selten waren Papageien, Rassekatzen oder Hundewelpen zu sehen, die in der Auslage untergebracht wurden und schnell verkauft waren.
Herr Niederlechner hockte tief hinter seiner Budel (*) unter einem Plafondventilator, las große Zeitungen und blickte über den Brillenrand, wenn jemand das Geschäft betrat.
Er erinnerte mich an ein Nilpferd von zurückhaltender Freundlichkeit, umgeben von bauchigen Jutesäcken voller sorgfältig gehäufter Körnerfutter, die er mit einer Greisslerschaufel in Papiersäcke füllte, abwog und mischte.
Manchmal kamen Kinder, um Kleintiere zu bestaunen, was Herr Niederlechner grunzend gewährte.
Mein Vater war Aquarianer, es gab in unserem Wohnzimmer ein Gestell mit drei ansehlichen Aquarien mit Fischen, die er bei Herrn Niederlechner erwarb.
Es gab fortpflanzungsfreudige Guppys, Goldfische – eine Art winziger roter und schwarzer Karpfen mit Schleierflossen, blaurotgrün schimmernde Neons, maulbrütende Buntbarsche – ähnlich denen in der Wiener Lobau - sowie allerlei größere, prächtige Exemplare mit tastenden Mundfühlern und wehenden Flossen, die fremdartig anmuteten, beinah wie Meerwasserfische, sehr empfindlich und teuer.
Die Aquariumfische wurden als lebende Ware zweifach in Plastiktüten gepackt und zwischen Zeitungspapier transportgeschützt.
Herr Niederlechner verkaufte auch Filter und Belüftungsanlagen, elektrische Pumpen und Wasserreinigungssysteme mit dünnen Schläuchen, aber auch meterweise jenen Schlauch zum Ablassen, mit dem mich mein Vater aus Erziehungsgründen gerne züchtigte.
Es gab Ständer mit Tierspielzeug, Beißkörbe, Halsbänder und Leinen, Plastikknochen und Gummiigel, die quietschten, gedörrte Schweineohren und getrocknetes Schlundmaterial.
Gelegentlich schwammen in einem von Herrn Niederlechners Aquarien Kammmolche, einmal ein Babykrokodil, später wurde es modern, Wasserschildkröten in Terrarien zu halten und andere kleine Reptilien.
Es roch exotisch, nach Hirse und anderen Körnern, nach Savanne und Steppe.
In der Zoofachhandlung von Herrn Niederlechner war wenig Platz.
In einem anschließenden Raum wurden Küken ausgebrütet und in engen Käfigfächern mit Kohlefadenglühbirnen und Rotlicht gewärmt.
Da waren frischgeschlüpfte Hühner, Enten und manchmal auch Gänse, die piepten und tschiepten und waren allerliebst anzusehen.
Dahinter ein düsterer Raum, der zum Hinterausgang führte, mit einem großen offenen Sicherungsschrank, gegenüber ein Wasserhahn über zwei Spülbecken, von denen eines unter Wasser stand.
Wasser tropfte in Kübel.
Hier züchtete Herr Niederlechner auf gestapelten Siebgittern Tubifexwürmer, die er mit hochgekrempeltem Ärmel mit der bloßen Hand löste, in Zeitungspapier einschlug und dekagrammweise verkaufte.
Seine mächtigen Arme und Handrücken waren schwarz behaart, wie die meines Vaters.
Und er trug einen Goldring mit einem schwarzen Stein, wie auch der Vater einen besaß.
Die Würmer wurden zuhause mit einer linguistisch interessanten Fingergeste in kleine schwimmende Siebe in den Aquarien umgesiedelt, aus denen sie sich nach unten zu befreien suchten, sofern sie nicht vorher von gierigen Fischmäulchen aus dem Sieb gezerrt und verschlungen wurden.
Man sagte unter Aquarianern, daß diese roten Würmer, anstelle der üblichen Trockenfutterflocken oder ergänzend serviert, den Nahrungsansprüchen von Zierfischen bestens entsprächen.
Niemals kam es vor, daß sich die Tubifex-Würmer, als Zehn-Deka-Portion auf Herrn Niederlechners Pranke weder appetitanregend noch besonders ekelerregend anzusehen, in den Aquarien ansiedelten und vermehrten.
Sanken einzelne schlängelnd zum Kiesboden und hefteten sich an, wurden sie bald von einem aufmerksamen Guppy erspäht und verzehrt.
Manchmal kam mir vor, daß Herr Niederlechner, der Kleintierhändler mit Krawatte im grauen Lageristenmantel, der mit einer tiefen Bauchstimme sprach, ein Verwandter sein könnte.
Vielleicht war es auch die Ähnlichkeit mit einem Fernsehkoch, die ihn mir seltsam bekannt erscheinen ließ.
Er unterhielt sich mit ihm in akademisch anmutender Kompetenz, wenn wir an Samstagvormittagen sein Geschäft betraten und der Pappa nach interessanten Schnäppchen Ausschau hielt.
Manchmal entfernte mein Vater Wasserpflanzen aus seinen Aquarien, brachte sie Herrn Niederlechner mit, und bekam dafür Spezialitäten.
Einmal einen aggressiven Katzenwels, der sich als gnadenlos entpuppte, unheimlich schnell wuchs, dann um jeden Preis ausbrechen wollte, und meiner Mutter beim aufgeregten Einfangen in den Finger biß, sodaß sie genäht werden mußte.
Ein anderes Mal einen liebenswert glubschäugigen, fingergliedgroßen, samtig gelben Kugelfisch mit schwarzen Tupfen, der unglücklich wirkte, sich zur Enttäuschung meines Vaters kein einziges Mal aufblies und nach kurzer Zeit einging.
Für Herrn Niederlechner sprach, daß es in seinem Tierkrämerladen keine Affen gab.
Andere Tierhandlungen hielten unter schändlichen Bedingungen kleine Affen aus allen Kontinenten, die verletzt waren oder sich gegenseitig verletzten, kreischend ihn ihren Kisten wüteten, durchgedreht an Käfigtüren rüttelten und nach allem griffen, was ihnen hingehalten wurde.
Südamerikanische Löwenäffchen, afrikanische Makaken und indische Meerkatzen wurden in Papageienkäfigen zur Schau gestellt oder westen invalide in Kaninchenställen vor sich hin.
Manche der kleinen Primaten masturbierten oder probierten aneinander Kopulationen, und manche Menschen betraten jene Tierhandlungen nur, um sich an den kleinen Affen zu belustigen, ihnen hässliche Gesichter zu schneiden oder ihnen blöde grinsend glühende Zigaretten zu reichen.
Alle diese Äffchen verendeten nach kurzer Zeit, das wußten die Zoohändler, und stellten sie dennoch zur Schau.
Ich hielt Herrn Niederlechner für einen klugen Mann, weil er eine friedfertige Ruhe ausstrahlte, und keine abstoßende Tierschau erwähnter Art betrieb.
Es roch in seinem Geschäft nicht nach Exkrementen, Urin und beissender Panik, es gab nichts Grausames zu sehen, keine einäugigen Affen mit abgebissenen Ohmuscheln und streichholzgroßen Erektionen, keine verzweifelten, in Käfigecken kauernde kleine Menschen.
* Budel: Verkaufspult, Theke.
Wahrnehmung und Wirklichkeit – false or true?
Die arme Arigona Zogaj hat eine Doppelgängerin, eine junge Wienerin.
Davon bin ich ziemlich überzeugt.
Ich mag junge Frauen, ich sehe sie mir an.
Ich denke dann: Hübsch, nett, sieht sympathisch aus, sexy, erinnert an, oder merkwürdig, oder: sehr merkwürdig.
Es war einmal ein Mädchen, das erinnerte mich an die junge Frau, die seit kurzer Zeit als Nachwuchskünstlerin und großes Talent „Soap & Skin“ gehandelt wird.
Ich meine eine sehr merkwürdige Begegnung, die sehr wahrscheinlich mit einem Einbruch in unsere Wohnung in der Josefstadt im März 2001 zu tun hatte.
Es muß kaum sein, daß es Anja Plaschg war, die ich an einem Tag im Mai 2008, als ich wegen einer Zeugenaussage in einer Zivilrechtssangelegenheit nach Graz geladen war, dort am Jakominiplatz sitzen sah, während ich auf die Straßenbahn wartete, um zurück zum Hauptbahnhof zu fahren.
Es war genau jenes Mädchen aus dem Coffeeshop in der Alserstraße, die ich auch am 21.3.2005 kurz gesehen hatte, auf dem Währinger Gürtel, aber irgendwie erinnerte sie mich auch an Anja Plaschg, aka Soap & Skin.
Das um Gleichgewicht bemühte Fräulein fiel auf, weil es mit Flip-Flop-Flappen lief – dabei war es noch so kalt, und ihre Füßchen sahen derb und schmutzig aus.
Als ob sie gerade zum Jahreszeitenwechsel aus ihren alten Stiefeln geschlüpft wäre.
Sie machte einen heruntergekommenen Eindruck, und wirkte angetrieben, als ob sie unter Drogen stünde.
Das war dieselbe, die ich im Jahr zuvor im Coffeeshop gesehen hatte.
Damals hatte sie neue Gummistiefel mit Blümchenmuster getragen.
Später dachte ich, die wäre eine andere gewesen, Julia K., eine abgängige Schülerin, die auf dem Plakat, das in der Vorgartenstrasse affichiert gewesen war.
Im Sommer 2006 wurde diese vermisste Person von den Behörden in einem Satz mit Natascha Kampusch genannt.
Das Mädchen, das ich meine, trug im Mai 2008 in Graz Gummistiefel mit sehr hohen Plateaus, die aussahen, als hätte sie jemand weggeworfen, ausgediente Modetreter für Raver, „Fetish-Fashion“, wie sie in einem Geschäft in der Daungasse verkauft wurden, bei denen jedoch Lack und Schnallen längst abgegangen waren.
Ihr Haar trug sie knabenhaft kurz, zu einer unschicken Gelfrisur mit Mittelscheitel gekämmt.
Sie befand sich in Begleitung einer älteren Dame, einer korpulenten, großbusigen, lauten Trinkerin.
Die Zigaretten qualmende Frau lachte schallend und legte ihren feisten Arm dem Mädchen um den Hals, das lauthals schluchzte, und wie ein Kleinkind heulte, als ich zu ihr hinsah.
Ich schritt, Hände am Rücken, Blick gen’ Himmel gerichtet, an der Bank vorbei, die das merkwürdige Paar belagerte, inmitten einer Gesellschaft von betrunkenen, ohnmächtigen Drogenpennern auf dem Grazer Jakominiplatz.
Ein kleines, schwer auszumachendes Café in der Klosterwiesgasse fiel mir ein, wo sich in meiner Jugend die abtschapierten* Mädchen aus dem Erziehungsheim Blümelhof versteckten, um sich mit Grazer Nachwuchszuhältern zu treffen.
Es gab dort eine Rock-Ola-Jukebox mit echter Schnulzenmusik, man hörte, gegebenenfalls zu einem engen „Blue“ **, „Du hast ja Tränen in den Augen“, „Melancholie“ oder „Mit 17 hat man noch Träume“.
Die Barfrau konnte äußerst ruppig sein und verlangte von Gästen, die ihr nicht so zu Gesicht standen, für ein extrakleines Puntigamer Export 45 Schilling.
So blieb das unauffällige Kaffeehäuschen zumeist ausgewählten Gästen für ungestörte Tête-a-Têtes reserviert.
Jedenfalls hatte ich dies androgyne Girl schon im April 2004 in Wien gesehen, und sie hatte schon wieder Angst vor mir.
Schlumpf.
Am Hauptbahnhof begegnete ich später Andreas Wabl, dem ehemligen grünen Nationalratsabgeordneten und späteren Klimaschutzexperten der SPÖ.
Ich versuchte, ihn originell abzulichten, vor der Silhuette des historischen Dampflok-Wasserturms im Hintergrund, im Gegenlicht, was mir misslang.
Wir fuhren im selben Zug in Richtung Wien.
Ich versuchte, mich angesichts der mit zunehmendem Tempo davonhuschenden Vergangenheit zu entkrampfen und sann wieder nach.
Dieses Mädchen war auch hinten in der Leopoldstadt gewesen, im Sommer 2004, im zweiten Bezirk, vor diesem Haus, betrunken oder auf Drogen.
Ich hatte mir am selben Abend das Automobil genau angesehen:
Es waren wieder neue Kratzer im Lack, und die Stahlfelge vorne rechts sah aus, als hätte jemand gezielt mit einem Hammer oder Maurerfäustel darauf eingeschlagen, vielleicht, um einen Reifenschaden und einen Unfall herbeizuführen.
Ich dachte damals, die hätte uns H. geschickt, jemand, den ich immer für den Anstifter des Wohnungseinbruchs gehalten hatte, eine Bekanntschaft vom Liberalen Forum, jemand, dessen aufdringliche Freundschaft ich nach ein paar Begegnungen in den neunzehnhundertneunziger Jahren nicht wollte – weil er mir nicht sympathisch war.
Angeblich ein Diskjockey und Radiomoderator und Promo-Agenturunternehmer und Veranstaltungmanager.
Darüber hinaus ein Käpt’n am falschen Dampfer, der im vermeintlich klärenden Gespräch jede Tatsache umdrehen und auch noch Prozentgeld von mir verlangen wollte.
Er war mir schon kurz nach dem Einbruch in provozierender Weise über den Weg gelaufen, und später noch ein paar Mal, was jedesmal mit Beschädigungen an unserem Vierrad einherging.
Aber das ist alles, wie gesagt, schon länger her.
Von größerer Bedeutung erscheint mir heute, dass das Mädchen mit den Gummistiefeln, am Köpfchen eine schlappe Rastahaube aus dem Kolpinghaus-Container, sich im April 2004 in Begleitung von zwei oder drei jungen Männern befunden haben könnte, von denen einer im Jänner 2008 – vielleicht – ermordet worden ist.
Ich erinnerte mich an den Barista, wie man die Kaffeesieder in Coffeeshops, bei Starbucks und Coffeshop Company, nennt.
Jener, dunkleren Teints, trug Rastakopf, und ließ beschwingt eine flotte Musik laufen.
Ein Bursche fiel mir im November/Dezember 2007 einmal auf, in der U4, am frühen Vormittag, abknickend, wahrscheinlich unter Morfiumeinfluß.
Ich war auf dem Weg zu einem Arzt, vielleicht ins Wilhelminenspital.
Ich dachte: „Was für ein elendes Leben“.
Vielleicht fiel er mir auf, weil ich ihn zuvor schon einmal gesehen hatte.
Auch bestand eine gewisse Ähnlichkeit zum jungen Kabarettisten Lukas Resetarits, der bekannte Sketch „Wo Herbststraße?“, längst ein Klassiker, fiel mir ein.
Bemerkenswert die Haarfarbe, grünstichig, wie von einem missglückten Versuch, die Haare zu blondieren und später wieder rückzufärben
Fühlte ich mich gar, ein wenig, an die eigene Jugend erinnert?
Wie schnell die Zeit vergeht.
Vielleicht vermengen sich bei mir Erinnerung und Phantasie, und ich stelle an diesem Punkt einen Zusammenhang her, den es gar nicht gibt.
Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Junge im April 2004, es war ein Samstag gewesen, im Coffeeshop in der Alserstraße anwesend war.
Sicher ist, dass einer der jungen Kerle, die ich nicht so genau wahrnahm wie das – wahrscheinlich nicht ohne Grund – verängstigte Mädchen, eine ungewöhnliche, gelbe Haarfarbe hatte.
Es könnte sein, dass es genau dieser Junge war, dem das Mädchen unterm Tisch etwas zureichte.
Ich hatte an Drogen gedacht – oder einen Armreifen, einen Ring, eine Uhr.
Meine Beobachtungen sind korrekt, ich kann sie zeitlich gut einordnen.
Unlängst hatte ich folgenden Traum:
Ich sah das Mädchen, dem ich einmal in einer kurzen Geschichte den Namen Knüffel gab, beim Training in einem Fitnessstudio, zusammen mit Christine Lugner, und einer mir weitläufig bekannten Tänzerin.
Sie lifteten Gewichte, zur besseren Ausbildung des latissimus dorsi.
Zwei wohlgeformte Herren halfen dabei.
* „abtschapiert“ – wahrscheinlich von prendre le chapeau (den Hut nehmen): abgehaut, flüchtig; Zechprellerei.
** „Blue“ -Landläufig; Anschmiegetanz, eine Art langsamer Foxtrott, treffender: „L’amourhatscher“, zur Jukebox oder im Tanzcafé; 60er Jahre.
Down by the pumpkins.
Der Faschingsdienstag wurde in der Stadt Graz, wo ich aufwuchs, wie ein Festtag begangen.
Verantwortlich dafür war die „Kleine Zeitung„, die an diesem Tag einen Faschingsumzug veranstaltete.
Der begann um die Mittagszeit, etwa am Glacis, und führte über den Jakominiplatz auf den Joanneumring, wo er sich an der Tegetthoffbrücke, nahe dem einzigen verbliebenen Relikt der mittelalterlichen Grazer Stadtmauer, wieder auflöste.
Eine lange Reihe von Gefährten kam aus der gesamten Steiermark zusammen, aus Strohballen und Styropor gebaut, mit Pappmaché und Transparenten verkleidet – Arrangements, aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen zugeordnet, naive, kreative, orgiastische Promotionen, von motorisierten Traktoren bewegt, während halb Graz die gesperrten Verkehrsabschnitte säumte, groß und klein, verkleidet und illuminiert, um Krapfen, Verhackertbrote oder Becher mit Bier zu ergattern, die von den rollenden Bühnen gereicht wurden.
Es wurde alljährlich zu diesem Anlass ein Sonderexemplar der Kleinen Zeitung herausgegeben und in Massen auf den Asphalt geworfen, welches man auch verkehrtherum aufblättern konnte, was einen satirischen Blick auf eine verrückte Welt und ihre Absurditäten eröffnen sollte.
Es war festzustellen, daß das Grazer Geschäftsleben an Faschingsdienstagen zu Mittag endete.
Dann wurde entkorkt und gefeiert: in Banken, Versicherungshäusern, Buchhandlungen, Frisiersalons, Schuhgeschäften, Trafiken – und im Verlagshaus Styria in der Steyrergassse, der printmedialen Informationsquelle einer Einflusssphäre, die sich über den Murursprung ins Ausseerland, um den Erzberg nach Leoben und Bruck, über Weiz, Hartberg, Fürstenfeld, Radkersburg nach Deutschlandsberg spannte, und weiter noch, bis nach Kärnten hinüber, in die ferne, über Drähte der Kleinen Zeitung angebundene Welt des Lindwurms rund um den Wörthersee.
Es herrschte ein krachendes, lärmendes, tüdelüdelndes Mordstrara zu Faschingsdienstag in Graz, mit allerorts durch Lautsprecher und Megaphone verstärkter Quetschen-, Blech- und Tanzmusik, und zum Ausklang des Tages überquellenden Altstadtlokalen.
Was mir als Volksschüler noch aufregend und einladend vorkam, wurde in späteren Jahren zum Anlaß für alkoholisierte Übelkeiten und abstossende psychedelische Erlebnisse.
Ich empfand den Trubel als überderbt und verroht, die altschlaue Ironie zur plumpen Holzschläger- und Fasslrutschergaudi breitgetreten, das zelebrierte Steirertum als faschistoiden Johannismus inmitten blutiger Hackstöcke und gänsehäutiger Fußballerwadeln, im Stechschritt paradierender Mannequinschülerinnen und fettfrisierter Heimattümler, in Reiterstiefeln und Hubertusmantel die Bierspeibe auf dem Pflaster der Sporgasse hinunterschlitternd, an die Kittelfalte einer übermächtig das lokalanästhesierte Zeitgeschehen letztkommentierenden Amanda Klachl.
In den neunzehnhundertneunziger Jahren, als kranke nationalistische Briefbombenattentate begannen, ganz Österreich den Atem zu rauben, mußte ich unfreiwillig fieberkrank an dem Umzug teilnehmen, nachdem mir jemand ein Narkotikum verabreicht und man mich aus dem Bett heraus in einen Wäschereisack geschnürt hatte.
Ich tippte auf einen üblen Scherz von Arbeitskollegen aus einem rechtsradikalen Milieu, jedenfalls habe ich diesen Tag nur beschädigt überlebt, nachdem rasend beflügelte Unbekannte Sadismen an mir ausleben konnten, wobei mir wahrscheinlich durch Anheften eines Schmetterlings aus dem Sondermüll eine infektiöse Krankeit zufügt wurde.
Es schneite und regnete nach jenem Faschingsdienstag tagelang, ich sah mit schmerzender Wirbelsäule verdreht durch das Fenster den Himmel an, wie eine Handvoll dreckverschmierter Watte, aus der ätzende Kühlflüssigkeit gequetscht wurde und mir auf die Stirn tropfte.
Es sind schwer wiederherzustellende Eindrücke, zwischen muffigen alten Decken und kalter Erde, auf der eisigen Ladefläche eines Kleintransporters, geblendet in der Amnesie eines kruden Betäubungsmittels, die sich zur Erinnerung an ein Vorleben in der steirischen Landeshauptstadt als durchscheinende Silhouette unter die Neige meines bedeutungslosen Daseins prägte.
Zyklopie.
Es gab am Grazer Feldhof, später Wagner-Jauregg-Sonderkrankenhaus, seit 2003 (Kulturhauptstadt Graz) Sigmund-Freud-Klinik, eine Abteilung Hirnchirugie, an der Operationen an Menschen durchgeführt wurden, nicht nur am geöffneten Schädel – es wurden Leute, die Eigentum des Landes Steiermark waren, kastriert und sterilisiert.
Was während des zweiten Weltkriegs dort geschah, darüber liegt eine Decke des Schweigens.
Wenn man einmal danach fragte, bekam man zu hören, dort wäre ein Feld-Lazarett gewesen.
Mehr wußte angeblich Mona, die aussah wie Frau Lehrerin Röckl.
Sie schien darüber Lust zu empfinden – sie sprach von reichen Familien, Ärzten und ihren Privilegien, von grausamen Experimenten und ausschweifenden Spielen, von schmerzhaften Studien an lebenden Wesen, von Lampenschirmen aus Menschenhaut.
Sie lachte maskulin und verächtlich, saugte an Zigaretten, und blies temperamentvoll blauen Rauch durch geweitete Nasenlöcher.
Wenn ich als Kind das Wort Feldhof vernahm, fuhr mir der blanke Schrecken das Rückenmark hinauf und herunter.
Mir fiel der große Oberlehrer Rainer von der B-Klasse ein, der einen grauen Mantel trug, in der mächtigen Hand einen noch zu einem Drittel gefüllten Doppelliter Wein, den er gierig leersoff, von der Parkbank aufstand und die Flasche wie eine Keule anhob, um damit auf mich loszugehen, nur weil ich stehenblieb und ihn ansah.
In der Volksschule zum guten Hirten saßen Männer von der Müllabfuhr im Winter am Fenster, um sich an einem massigen gußeisernen Heizkörper zu wärmen, von dem cremefarbener Lack schuppte.
Einer von ihnen zwinkerte häufig mit einem Auge, während er mich mit dem anderen stur anglotzte.
Er schnitt einhändig Scheiben von einer harten Wurst und legte sie sich in den Mund.
Gesichter wie aus Holz geschnitzt, die aussahen wie Teufelsfratzen, weit die Zungen heraushängen liessen, stellte ich mir vor, wenn ich Feldhof hörte, und Kinder, gelähmte Kinder, Kinder mit Wasserköpfen, solche mit unheimlich deformierten Gliedmaßen und verschobenen, verzogenen Gesichtern und Häuptern.
Menschen, so bloed, daß man sie nur in Rollstühlen von einem Gebäude ins nächste befördern könnte, gelähmt vor Bloedheit.
Menschen mit Spinalparalyse.
Hingeworfen im Anstaltspyjama, feuchte Ledertöffel an nackten Füßen, im Rollstuhl geschoben, vom Hirnschlag gestreift.
Menschen mit Down-Syndrom, ein paar von ihnen neugierig, staunend.
Jemand sah mich mehräugig an, dreiäugig, einäugig:
Zyklopie.
Zwischen Kannibalen, Nazis und Sadisten.
Der Mensch ist vielleicht der älteste Primat.
Die heutigen spezialisierten Menschenaffen könnten erst viel später entstanden sein.
Sie hätten eine planetare Katastrophe, extremen Klimawechsel, eine Zerstörung ihres Habitats kaum überleben können.
Der Mensch möglicherweise schon.
Unlängst fuhr ich bei einem notwendigen Besuch der Stadt Graz an der Mohren-Apotheke vorbei, deren Wappen einen zusammengebundenen Menschen zeigt, nach Art des im hungrigen Afrika sehr gefragten und in die ganze Welt exportierten „Buschfleisches“.
Es wurden in vergangenen Jahrhunderten stark geräucherte, zu Bündeln geschnürte Menschen nach Europa geliefert und „Mohrenfleisch“ bei Verfügbarkeit von manchen Ärzten verschrieben, als allgemeines Stärkungs- und Kräftigungsmittel, gegen Schmächtigkeit bei Jugendlichen, als Potenzmittel bei Männern und gegen Frigidität bei Frauen.
Ich hatte, als Zeuge geladen, im Oberlandesgericht den Vater getroffen, der gerade gegen den Schwager um des Kaisers Bart prozessiert, weil er zu Beginn geborgtes Geld verschenkt hat an Fremde, um die eigenen Kinder abzuwerten, und annahm, es am Ende über Erbschaften wieder irgendwie hereinbringen zu können.
Gerne hätte er sich als Patchwork-Patriarch feiern lassen.
Gerne wäre er ein Prophet gewesen, oder Adam, oder Gott.
Kurze Zeit vor dem Gerichtstermin hatte er mich zu einer Absprache ins Südburgenland zu locken versucht, aber ich dachte, ich könnte unterwegs in einen Verkehrsunfall geraten und sagte verärgert ab, des lebenverschlingenden Spieles längst überdrüssig.
Mit bohrenden Blicken wollte er mich im Gang des Grazer Oberlandesgerichtes bannen, als wäre ich ein Kleinkind.
Er schien sich zu wundern, daß ich nicht als strohbärtiger, zahnloser Wurzelsepp, umgeben von einer Wolke Branntwein, erschien.
Die Richterin beobachtete mich genau, und stellte Zwischenfragen, um meine Aufmerksamkeit und meine Koordinationsfähigkeit zu überprüfen.
Niemand hatte damit gerechnet, daß ich mit einem Ordner Dokumente auftauchen könnte, welche der Wahrheitsfindung dienlich wären.
Es ist in dieser Auseinandersetzung niemals um die Wahrheit gegangen, sondern darum, das absonderliche, betrügerische Verhalten eines Mannes im Vertrauen auf seine Einflüsterer – ein Makler Schnabel, ein Rechtsanwalt Schmidt, und Damen – zu decken und den Wunsch, anderen, herabgeschätzten Menschen unter Deckung des Gesetzgebers etwas wegnehmen zu können.
Der Vater hat sich mit Kriminellen verbündet, aber die Richter, vor denen jede Verhandlung in diesem und verwandten Gegenständen immer wieder gelandet sind, sitzen fest auf Vorurteilen, und wollen dem Mann, der krank ist, der schamlos die Unwahrheit sagt und mehrfach versucht hat, andere in den Tod zu treiben, Recht geben.
Mit Erstaunen lese ich, daß sich die Bestände der Berggorillas in Uganda um 100 Stück erholt hätten und frage mich, ob dies ein Trost sei.
Wer hat meine inzwischen verstorbenen Katze Flocky mit einem ätzenden Spray besprüht?
Unter einer Menge von Gegenständen, die während unserer Übersiedlung im Herbst 2003 verschwanden:
Schrammels Fauteuil, schwarzweiß gestreift, Altware; eine Gugelhupf-Backform, Fin-de-Ciècle-Antiquität; zwei Thermostatschränke, Nirosta-Stahl, Spezialanfertigungen („Mikrowellen-Kühlschränke“), zu Handen Fa. DHL, lt. Lieferpapieren im Wert von je ATS 25.000,- ; 1 Midi-Keyboard Yamaha; ca. 50 Stk. Palmers-Poster in Rollen, Sammlerwert; mein Scheckheft von der CA-Creditanstalt, vollständig, blanko.
(Eine bei mehreren Gelegenheiten vorgelegte Bluff-Unterschrift stammte mit großer Wahrscheinlichkeit aus meinem User-Profil beim Liberalen Forum Steiermark, wo sie auf Wunsch der Geschäftsführung 1998 eingescannt worden war.)
Kurz vor Weihnachten 2007 besuchte ich meine Mutter in Graz.
Aus Versehen ließ sie sich schwerfällig schnaufend auf mein Portemonnaie und meinen Schlüsselbund fallen, worauf ich jene vergaß, weil die Gemahlin chauffierte, und ich schon etwas in den Händen hielt, während meine Mutter, eine übergewichtige alte Frau, verkniffene Bauernschläue im greisen Gesicht, mir zum Abschied noch einen Brief zum Aufgeben überreichte.
Am nächsten Tag musste ich zu meinem großen Verdruß erneut nach Graz fahren.
Meine Mutter, die schwerhörig ist, öffnete nicht, obwohl ich sehr lange läutete und mein Eintreffen abzusehen gewesen war.
Ich wendete mich an eine freundliche Nachbarin, die ich seit meiner Kindheit kenne und telefonierte besorgt mit meiner Schwester, die in der südlichen Steiermark wohnt.
Es dauerte ein paar Stunden, bis sich herausstellte, dass Mutter doch zuhause war und angeblich nur fest geschlafen hatte.
Schon hatte ich vermutet, sie wäre gestorben und überlegt, die Türe öffnen zu lassen.
Ich ahnte nicht, dass ihre Klausur so lange gedauert haben könnte, weil gerade jemand meinen Schlüssel zu unserer Wiener Wohnung nachfertigen ließ.
Bevor ich nach Hause fuhr, hielt ich bei McDonalds an der Eisteichsiedlung, um mich zu erfrischen.
Da tauchte Glastonbury am Parkplatz auf und schlich, unverkennbar, fiese Nickvisage mit Handtelefon am geneigten Ohr, um unser Auto herum.
Ich verspürte das Bedürfnis, hinauszupreschen und ihm endlich eine Abreibung zu verpassen, besann mich aber, da er seit Jahren mit einem solchem Angriff spekulierte.
Zu Recht nahm ich an, dass hinter mir jemand mit Headset im Ohr saß und die Polizei nicht weit war.
Glastonbury, der mit seinem roten Geschoß, einem Mazda 323, Baujahr ‘92, vorgefahren war, betrat das Lokal und inspizierte die Toiletten.
Aus meiner Geldbörse fehlte eine BIPA-Einkaufscard.
Ich konnte mir – zunächst – keinen Reim auf die Geschichte machen.
Frage an das Justizministerium: Wer wird die privaten Ermittler bezahlen, die am bösen Blut einer seit 15 Jahren anhängigen zivilrechtlichen Erbschafts- und Vermögensangelegenheit Nahrung gefunden haben, das sogar Observierungen nach Übersee erlaubt, von welchem Pouvoir?
Leider ist der Innenminister nicht fähig, eine Art Terror zu bekämpfen, der bei näherem Hinsehen dem Bereich Schutzgelderpressung und Bandenkriminalität zuzuordnen ist und den ich außerdem – ohne mit der Wimper zu zucken – als Erscheinung des rechten Terrorismus bezeichne, welcher sich in dieser Rolle vorlaut brüstet, mit den Behörden zusammenzuspielen.
Patienten…freundlichkeit und mehr Hintergründiges.
Im Untersuchungsraum Acht bereits anwesend: Dr. Rappottensteiner, zwei Studentinnen der Medizin.
Dr. Rappottensteiner zielt mir mit einem Blendprojektor, einem augenärztlichen Spezialgerät, routiniert beidseitig durch das Loch im Zentrum der Iris.
„Dieser junge Mann hat bereits die Augen eines 60-jährigen. Beidseitige Myopie, links weitaus stärker ausgeprägt, gelbliche Eintrübung der Linse. Grauer Star.“
Die jungen Ärztinnen in spe dürfen das Gerät ausprobieren.
Sie leuchten mir auf die Augen, treffen aber nicht in den Fokus und können das diagnostische Potential des interessanten Zauberstabes noch nicht durchschauen.
Dr. Rappottensteiner hilft ein wenig beim Führen der ungeübten Hände.
Im Nebel der schmerzhaften Blendung wird im Anschluß ein standardisierter Sehtest zur Ferne und in der Nähe durchgeführt.
Das Ergebnis ist eindeutig, eine Operation angezeigt.
Dr. Rappottensteiner erklärt den modus operandi, während Kaskaden von gleißenden Nachbildern mein Gesichtsfeld illuminieren, sodaß ich kaum irgendetwas erkennen kann.
Dr. Rappottensteiner: „Wir sehen das inzwischen so: Umso jünger die Patienten, desto größer der Widerstand. Sie bekommen deshalb eine Narkose.“
Später werde ich über diese geheimnisvolle Äußerung nachgrübeln müssen.
Später tun sich mehr und mehr Fragen auf.
Noch immer stark geblendet stehe ich am Anmeldeschalter der Augenambulanz.
Durch die sich lichtende Bewölkung beobachte ich eine Zeit lang den Schatten von Schwester Scheherazahde, die gerade von Schwester Petronella eingeschult wird.
Mehrmals stürzt der Personalcomputer ab – oder ist es vielleicht ein Server, weil wiederholt ungeduldig telefoniert wird?
Ich bekomme im Laufe einiger Minuten den Eindruck, daß ich hier absichtlich nicht wahrgenommen werde.
Schwester Scheherazahde: „Brauchen Sie etwas?“
„Ich hätte gerne einen Termin.“
Schwester Petronella, die hinter Schwester Scheherazahde steht, greift ihr ungehalten über die Schulter in die Tastatur, soufflierend:
„Fragen sie zuerst einmal, um welchen Termin es überhaupt geht.“
„Einen Termin für eine Augenoperation.“
„Es gibt viele Augenoperationen.“
Ich halte mein Infoblatt vor die Scheibe.
Schwester Scheherazade: „Grauer Star. Da geht leider nichts vor Ende Juli. Ist ihnen der dreissigste recht?“
„Ja.“
Schwester Petronella: „Glücksfee spielen wir nicht. Zwei Tage Krankenstand. Der hier bekommt schön einen Freitagstermin.“
„Hören Sie. Über meine Terminplanung müssen Sie sich nicht den Kopf zerbrechen.“
Schwester Scheherazahde: „Ich leider neu hier.“
Schwester Petronella: „Aber sie sind doch berufstätig. Sie ARBEITEN doch. ODER ARBEITEN SIE NICHTS?“
„Entschuldigen Sie: Ich bin ein Pensionist.“
Schwester Petronella bläst ein Gesicht, daß ihr die Grammelknödel aus dem Goder wachsen:
„UNSERE PATIENTEN SIND IN IHREM ALTER NORMALERWEISE BERUFSTÄTIG.“
Sie verschränkt die Arme vorm Busen.
Nachglühende Netzhautirritationen verzerren ihr Gesicht ins Gespenstische.
Ein paar Sekunden lang läuten die Mittagsglocken der nahen Josephskirche mehrmals das Wort „Sozialschmarotzer!“
Weil sich das nicht gut anhört, schlucke ich die ätzende Magensäure wieder hinunter, bis mir die Galle stechend einen Wind ins Gedärm drückt.
Eine große Blase in meinem Unterleib schleicht sich quälend bis an den Schließmuskel heran.
Ich muß mir vorstellen, wie 1968 der Großvater, dem der Vater mit einem Brieföffner ein Loch in den Unterleib gestochen hätte, aus der steiermärkischen Schwesternklinik vom Roten Kreuz zum Sterben nach Kainbach geführt wurde und dort an Darmkrebs verschied.
Ich verlasse das Hospital und beginne meine Wahrnehmungen eingehend zu hinterfragen.